Sydney

Nach diesem Foto sollte sie sterben

Judy Sharp erlebte in ihrer Ehe Gewalt und Hass – nach mehr als 20 Jahren macht sie ihre Geschichte öffentlich

Sydney. Die Gefühle, die in ihr aufkommen, wenn sie das Foto anschaut, sind furchtbar. Aber trotzdem – oder gerade deswegen – hat die Australierin Judy Sharp in diesen Tagen das Bild auf ihrer Facebook-Seite gepostet. Und nicht nur das Bild, auch ihre Geschichte von jahrelanger Gewalt und Unterdrückung.

Das Foto ist das schlichte Grauen, so empfinde sie es noch heute: wie sie dasitzt, geschafft, verängstigt. In ihrem Schoß hält sie ihre beiden kleinen Söhne. Es ist ein Bild aus dem Jahr 1992. Ihr Mann hatte es aufgenommen, „damit die Jungen noch eine Erinnerung an mich haben werden“, sagt Sharp. Danach wollte er sie töten. Judy Sharp weiß nicht, wie sie es angestellt hat, aber sie ist geflohen.

Nie hätte sie gedacht, dass ihr Überlebenskampf, unterwegs mit zwei kleinen Kindern, davon eins an Autismus erkrankt, die Menschen weltweit bewegt. Doch die Anteilnahme an dem Tagebuch ihrer Qualen sei riesig. Man feiere sie jetzt als Heldin. „Um ehrlich zu sein, bin ich nicht für mich selbst gelaufen, ich war zu erschöpft und abgenutzt, um etwas für mich selbst zu tun. Ich habe es für sie getan.“ Sie wollte die Söhne „weg von solch einem Übel“ bringen.

Das Übel ist ihre Ehe gewesen. Ihr Mann hat sie immer wieder verprügelt. Sie kontrolliert, gegängelt und ihr nur Hass entgegengebracht. Nach der Androhung, sie zu töten, ist sie am Ende. „Ich weiß nicht, wie ich diese Nacht überlebt habe.“ Aber sie hat. Doch der Überlebenskampf – wenn auch anderer Natur – geht weiter. Sie braucht auf der Flucht etwas zu essen und zu trinken. Sie hat kaum etwas dabei. Auch kein bisschen Geld, da ihr ihr Mann alles abgenommen hat. Sie schläft, wo sie unterkommen kann. Fragt die Leute, ob sie ihr helfen. Ein Frauenhaus hat sie nicht aufgenommen. Ihr Sohn Tim hat wegen seiner autistischen Erkrankung zu viel geschrien.

Judy Sharp findet jemanden, der ihr eine Bleibe bietet. Ob es eine Freundin ist, eine Nachbarin – sie sagt es nicht. Heute ist sie eine bekannte australische Buchautorin. Sohn Tim ist Künstler, der jüngere Sohn Sam Schwimmtrainer. Mehr will sie über sich nicht sagen. Auch wenn sie offen über ihre Vergangenheit spricht, will sie ihr Leben jetzt schützen.

Die Schuldgefühle haben sie ewig geplagt

Judy Sharp hat die schweren Jahre damals nur überstanden, weil sie sich „an Grundregeln“ gehalten hat, schreibt sie. Dazu gehörte, nur einmal die Woche einkaufen zu gehen und immer zuerst die Rechnungen zu bezahlen. Das Geld hat sie durch Gelegenheitsjobs aufgebracht. „Die Leute werden dich eher mit Essen versorgen, als deine Rechnungen für dich zu bezahlen.“ Egal, wie schwer es einem falle, so Sharp: „Fragen Sie nach dem, was Sie brauchen.“ Viele Menschen unterstützten sie. Und machten ihr immer wieder Mut. „Ich sollte nicht daran denken, was falsch gelaufen ist, sondern an etwas, was gut gelaufen ist.“

Wichtig ist ihr die Botschaft: Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, sollen fliehen. Und sich nicht schuldig fühlen. So seltsam es sich anhöre, aber genau das würden viele Frauen tun. Bei ihr hat es Jahrzehnte gedauert, bis sie sich von den Schuldgefühlen befreien konnte. Heute sagt sie über die Zeit: „Ich habe so etwas nicht verdient. Niemand verdient es.“ Immer wiederholt sie diesen Satz: „Wenn Sie in der gleichen Situation sind, in der ich vor all den Jahren war, machen Sie einen Schritt, sagen Sie es jemandem, bitten Sie jemanden um Hilfe.“

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen