Abholzung

Der Orang-Utan muss um seinen Lebensraum fürchten

Die Zahl der Orang-Utans auf Borneo und Sumatra sinkt dramatisch. Schuld ist das Abholzen des Dschungels. Kann man die Tiere schützen?

Früher reichte ihr Verbreitungsgebiet vom südlichen China über Thailand, Vietnam bis nach Java. Heute leben Orang-Utans nur noch auf Borneo und Sumatra.

Früher reichte ihr Verbreitungsgebiet vom südlichen China über Thailand, Vietnam bis nach Java. Heute leben Orang-Utans nur noch auf Borneo und Sumatra.

Foto: IStock / Getty Images

Bukit Baka Bukit Raya.  Mit der Freiheit kann es jetzt nicht schnell genug gehen: Zwei Sprünge, dann klettert Orang-Utan-Weibchen Agis den Baumstamm hoch. Die letzten 24 Stunden hat der Affe in einem Käfig verbracht, erst auf der Ladefläche eines Geländewagens, dann auf einem Boot. Dass Agis im Dschungel war, ist mehr als zehn Jahre her. Nun sitzt das 40 Kilogramm schwere Tier auf der Insel Borneo im Nationalpark Bukit Baka Bukit Raya in der Krone eines Bintangor-Baums.

Der Dschungel ist der Ort, wo Agis und ihre Artgenossen hingehören. Orang bedeutet Mensch, Utan heißt Wald – „Waldmenschen“ also. Die Tiere brauchen die Kronen der Regenwälder, um zu überleben. Dort oben bauen sie ihre Nester, suchen Nahrung. Herunter kommen sie selten.

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Auf Borneo aber und der Nachbarinsel Sumatra gibt es immer weniger Bäume. Im letzten Jahrzehnt wurden mehr als sieben Millionen Hektar Regenwald abgeholzt – eine Fläche so groß wie Bayern. Anstelle des Dschungels wachsen jetzt Palmöl-Plantagen. Auf ihnen werden Pflanzen der Superlative herangezüchtet – bis zu 30 Meter hoch, mit riesigen Blättern und tausenden Früchten.

Palmöl ist vielseitig verwendbar

Von den zwei Inseln kommt ein Großteil des Palmöls, das die Welt verbraucht. Das hochwertige Fett ist vielseitig verwendbar. Es kommt in Tiefkühlpizzen, Lippenstifte, Biodiesel, Schokolade, Speiseeis. Indonesien und Malaysia sind die beiden wichtigsten Produzenten. Von jährlich weltweit mehr als 60 Millionen Tonnen kommen 85 Prozent von dort. Die Regierungen loben die Konzerne, weil sie Steuern zahlen und Jobs schaffen, für Umweltschützer sind sie ein Hassobjekt.

Die Gesetze zum Schutz der Wälder sind immer noch relativ lax. Ein Moratorium, das die Vergabe von neuen Konzessionen einschränken sollte, hat nicht viel gebracht. „Hier kommst du ins Gefängnis, wenn du einen Orang-Utan umbringst. Aber wenn du einen ganzen Wald abholzt und der Orang-Utan daran krepiert, passiert dir überhaupt nichts“, sagt Jamartin Sihite (52), Chef der Tierschutzorganisation Borneo Orangutan Survival (BOS).

97 Prozent des Erbguts gleicht dem des Menschen

Für die Menschenaffen, deren Erbgut zu rund 97 Prozent dem unsrigen gleicht, könnte die Vernichtung der Wälder das Ende bedeuten. Mitte des 19. Jahrhunderts war Borneo fast vollständig von Wald bedeckt, heute nur noch zur Hälfte. Im Vergleich zu 1999, so heißt es in einer aktuellen Studie, ging die Zahl der Orang-Utans allein auf Borneo um fast 150.000 zurück. Noch, so schätzt man, leben dort zwischen 50.000 und 100.000. Die Affen gelten auf Borneo als stark gefährdet, auf Sumatra als vom Aussterben bedroht. „Weitere 45.000 Orang-Utans könnten in den nächsten 35 Jahren allein durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden“, heißt es in der Studie, an der das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig mitgewirkt hat.

Soweit die Zahlen. Man kann die Geschichte aber auch in Schicksalen erzählen. Agis zum Beispiel, die nun oben im Baum thront, wurde von einem Dorfbewohner auf Borneo sieben Monate lang als eine Art Ersatzkind gehalten, bis sie 2006 gerettet wurde. Damals wog sie achteinhalb Kilo, hatte Malaria und Typhus und kaum noch Haare. Die letzten Jahre hat sie in Nyaru Menteng verbracht, in einer von zwei Rettungsstationen, die die gemeinnützige BOS-Stiftung seit fast 20 Jahren unterhält.

Mehr als 450 Orang-Utans sind hier untergebracht. Die meisten sollen eines Tages wieder zurück in den Dschungel. Es gibt praktisch alles: einen Kindergarten, eine Waldschule, wo den etwas älteren Tieren beigebracht wird, wie man Nahrung besorgt und Nester baut, aber auch Krankenhaus und Friedhof.

Schätzung: Ein Tier kostet monatlich 240 Euro

Finanziert wird das Projekt durch Spenden aus aller Welt. Über die deutsche BOS-Sektion haben mehr als 2700 Menschen Patenschaften übernommen. 25 Euro kostet das im Monat. Auch aus der Schweiz und aus Dänemark kommen regelmäßig größere Summen. Und es gibt auch Geld vom Staat, auch aus Deutschland, über ein Entwicklungshilfeprojekt. BOS schätzt, dass ein Tier monatlich etwa 240 Euro kostet.

Vor ein paar Monaten hat die Stiftung sogar damit angefangen, mit der Palmölindustrie zusammenzuarbeiten. Der Agrarkonzern PT Sawit Sumbermas Sarana beteiligte sich am Kauf einer 20 Quadratkilometer großen Insel, auf der die Affen noch Zeit in einer Art Dschungelcamp verbringen, bevor sie freikommen. Aktuell leben dort etwa 30 Tiere.

Bis es so weit war, gab es unter den Tierschützern viele Diskussionen. Daniel Erlemeier, ein Deutscher, spricht von einem „schwierigen Spagat“. Jamartin sagt: „Wir können die Orang-Utans nicht allein retten. Also muss die Industrie Teil der Lösung werden.“ Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Vallauthan Subraminam, meinte in einem Interview: „Wir müssen anfangen, unsere Fehler zu beheben. Ich denke, dass wir nebeneinander existieren können.“ Allerdings sieht der allergrößte Teil der Palmölindustrie bis heute keine Veranlassung, etwas zum Schutz der Orang-Utans beizutragen.

Kein Konzern will Abholzung stoppen

Andere Umweltschützer werfen BOS deshalb vor, den Konzernen zu helfen, sich für wenig Geld von ihren Sünden weißzuwaschen. Gemma Tillack vom Netzwerk Rainforest Action Network etwa meint: „Solche einzelnen freundlichen Akte retten die Orang-Utans nicht vor der Vernichtung.“ Wenn es die Konzerne ehrlich meinten, müssten sie sich verpflichten, mit dem Abholzen des Waldes aufzuhören. Dazu sei bislang aber niemand bereit.

So hat die Auswilderung viel von einer Sisyphus-Arbeit. In der Regel geschieht sie über viele Hundert Kilometer, zunächst mit Geländewagen und Fähre, dann per Boot tief hinein in den Dschungel und schließlich zu Fuß. An einer solchen Expedition sind mehr als zwei Dutzend Leute beteiligt. Bevor es losgeht, werden die Affen von einem Tierarzt betäubt und noch einmal gründlich untersucht. Wenn sie nach einer halben Stunde wieder wach werden, sind sie schon im Käfig. Als Verpflegung liegen Blätter, Maiskolben und Bananen auf dem Boden. Die Pfleger versorgen sie mit Wasser.

Vor der Freilassung bekommt jeder Affe einen Sender in den Nacken gepflanzt, dessen Batterie etwa zwei Jahre hält. Damit lässt sich verfolgen, wo sich das Tier im Dschungel hinbewegt. Laut BOS-Statistik sind von 100 ausgesetzten Affen nach zwei Jahren noch 85 am Leben. Sieben Orang-Utans bekamen im Dschungel bereits Nachwuchs.

Lohnt sich der Aufwand?

Trotzdem gibt es Leute, die meinen, dass der Aufwand sich nicht lohnt. Die Umweltstiftung Borneo Futures findet, dass damit von der Vernichtung der Wälder abgelenkt wird. Der Experte Michael Krützen von der Universität Zürich hält die Auswilderung zwar „generell für sinnvoll“. Allerdings müsse man den Tieren einige Jahre folgen, um zu sehen, ob sie überlebten.

In der Tat lauern nach all den Jahren in der Station viele Gefahren – Entfremdung etwa oder Wilderei. Manchmal kriegt man gleich bei der Auswilderung einen Eindruck davon. Ein paar Minuten nach Agis Freilassung etwa raschelt es plötzlich im Blätterwald. Das Orang-Utan-Weibchen stürzt 15 Meter in die Tiefe. Vermutlich hat sie die Tragfähigkeit der Äste unterschätzt. Ein paar Sekunden stehen alle erschrocken um sie herum. Lebt sie noch? Dann steht der Affe auf, schüttelt sich und steigt auf den nächsten Baum.

Ein paar Tage später sehen die BOS-Leute das Tier im Nationalpark wieder. Es hat begonnen, ein Nest zu bauen.