GNTM

„Not Heidis Girl“: Schülerinnen protestieren gegen Klum

Sexismus und absurde Schönheitsnormen: Gegen Heidi Klums „GNTM“ formiert sich Widerstand. Schülerinnen aus Hamburg singen darüber.

Diese Hamburger Schülerinnen singen „Not Heidis Girl“.

Diese Hamburger Schülerinnen singen „Not Heidis Girl“.

Foto: Markus Abele/Pinkstinks / ZRB

Hamburg.  Am Donnerstagabend ging es wieder los, und es war wie jedes Jahr. „Meine Töchter sitzen vor dem Fernseher und sagen mir, es sei zwar blöd, aber ALLE schauen, und schließlich wollen sie morgen mitreden können. Was tun?“ So beschreibt eine Mutter auf Facebook ihr Dilemma um „Germany’s Next Topmodel“, kurz „GNTM“. Für sie ist klar: Die Pro-Sieben-Sendung, die jetzt in ihre 13. Staffel gestartet ist, sei zwar „der Inbegriff von Rückständigkeit und Verblödung“. Aber sie lässt sich nicht einfach ignorieren.

Oder doch? #NotHeidisGirl: Unter diesem Hashtag haben Aktivistinnen des Kollektivs „Vulvarines“ im vergangenen Herbst eine Kampagne gestartet, die sich gegen den latenten Sexismus und das propagierte Schönheitsideal von „GNTM“ richtet. Jetzt ist die Aktion vertont worden – und die Hauptrolle spielen dabei Hamburger Schülerinnen im Alter von elf bis 15 Jahren, der Hauptzielgruppe der Sendung.

Video spielt in Hamburger Stadtteilschule

Mit den Mädchen – und einem Jungen – hat die Lobbygruppe „Pinkstinks“, die schon seit Jahren gegen Geschlechterklischees und Sexismus in der Werbung und den Medien vorgeht, den Song „Not Heidis Girl“ aufgenommen. Schauplatz des Videos ist eine Hamburger Stadtteilschule.

In den sozialen Netzwerken stößt der Clip auf große Resonanz. Seit der Veröffentlichung am Donnerstag ist er allein bei Facebook mehr als 70.000-mal aufgerufen worden. „Das freut uns riesig“, sagt die Hamburger „Pinkstinks“-Geschäftsführerin und Genderforscherin Stevie Schmiedel, „zumal der Protest hier nicht von oben kommt, sondern von der Zielgruppe der Sendung ausgeht.“

Bedient der Song selbst die Norm?

Geschrieben wurde das Lied von Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker – „aus Frust“, wie Schmiedel sagt. Schauspielerin Lara-Maria Wichels übernahm die Regie, eine Theaterpädagogin half beim Einsingen, eine Visagistin beim Styling. Gesungen wurde auf Englisch, um die Akzeptanz in der Zielgruppe zu erhöhen.

Herausgekommen ist ein Werk, das auf den ersten Blick bisweilen so form- und normschön daherkommt, dass bei einigen Zweifel aufkeimen: Bedient der Protest am Ende womöglich den Körperkult, gegen den er ansingt? „Wo sind die Dicken? Die Brillenträger? Die Pickeligen?“, schreibt eine Userin: „Auf der einen Seite ein sehr cooles Lied machen, dann aber genau nach Schema F die Mädchen im Video zusammenstellen, stört mich.“

Schmiedel kann da beruhigen. Meist reiche schon ein wenig Puder und gutes Licht, um Menschen gut aussehen zu lassen. Dass bei Haare und Make-up professionell Hand angelegt wurde, sei im Übrigen ausdrücklicher Wunsch der Mädchen gewesen. Aber den „GNTM“-Maßstäben entspreche wahrscheinlich keines von ihnen.

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Auftaktquote schwächer als 2017

Bei Youtube, wo sich vor allem die junge Internet-Gemeinde tummelt, seien einige Kommentare bezüglich des Aussehens gar so abfällig gewesen, dass „Pinkstinks“ die Funktion abgeschaltet hat. Was wiederum zeigt, wie aktuell die Debatte ist: 2015 hat eine Studie ergeben, dass fast ein Drittel aller Mädchen und Jungen mit Essstörungen „Germany’s Next Topmodel“ als entscheidend für die Krankheitsentwicklung ansahen.

Immerhin: Die Sogwirkung der Sendung scheint sich abzuschwächen. Beim Auftakt der 13. Staffel am Donnerstag schalteten durchschnittlich 2,2 Millionen Fernsehzuschauer ein. Der Marktanteil lag bei 7,9 Prozent, bei den 14- bis 49-Jährigen bei 16,7 Prozent. Im vergangenen Jahr hatte die Staffelpremiere noch 2,63 Millionen Zuschauer (8,8 Prozent). (leo)

Dieser Text erschien zuerst auf abendblatt.de

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