Luftverkehr

Keine Seltenheit: Experten warnen vor betrunkenen Piloten

Von der Hotelbar ins Flugzeug kein Einzelfall: Bordcrew lässt in London ihren alkoholisierten Kapitän von der Polizei hinauswerfen.

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Berlin.  Als die Polizei das Flugzeug stürmte, war es mit der Urlaubsstimmung jäh vorbei. Flughafen London-Gatwick Ende Januar, eine Boeing 777 steht auf der Startbahn, bereit für einen elfstündigen Flug ins Sonnenparadies Mauritius. Doch die Crew bemerkt, dass sich einer der Piloten merkwürdig benimmt, der 49-Jährige hat eine Alkoholfahne. Die Besatzung weiß sich nicht anders zu helfen, als die Polizei zu rufen. Die Beamten rücken an, betreten das Cockpit und nehmen den Piloten auf der Stelle fest.

Ebenfalls im Januar verließen verängstigte Passagiere einer indonesischen Billig-Fluglinie auf dem Rollfeld das Flugzeug, nachdem der stark betrunkene Pilot lallend den Versuch einer Durchsage unternommen hatte. Im Internet kursiert das Video einer Überwachungskamera, das den Mann zeigt, wie er schwankend durch die Sicherheitskontrolle torkelt. Er wurde suspendiert. Wie kann es sein, dass Piloten in betrunkenem Zustand überhaupt ins Cockpit gelangen?

„Wer nach Alkohol stinkt, wird spätestens von der Crew rausgefiltert“

Markus Wahl kennt die Flughäfen dieser Welt, er bezeichnet sich als „Lufthansianer“ und ist Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Er stellt klar: „Flugkapitäne müssen belastbar sein und schnelle Entscheidungen treffen können. Sie sind verantwortlich für das Leben der Passagiere – dass sie keinen Alkohol im Blut haben dürfen, sollte selbstverständlich sein.“ Dennoch mahnt er zur Besonnenheit. Mit Blick auf den Kollegen in London sagt er: „Der Fall zeigt, dass das Kontrollsystem funktioniert. Wer nach Alkohol stinkt, wird spätestens von der Crew rausgefiltert.“

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In Wahrheit aber kann niemand garantieren, jeden untauglichen Piloten ausfindig zu machen. Vor zehn Jahren stürzte eine Boeing 737 auf dem Weg in den Ural kurz vor dem Ziel auf die Gleise der Transsibirischen Eisenbahn, alle 88 Insassen starben. Bei der Obduktion des Piloten wiesen Mediziner Blutalkohol nach, was laut Untersuchungskommission zu Müdigkeit und Konzentrationsschwäche geführt habe.

Nach Germanwings-Absturz im März 2015 hat ein Umdenken eingesetzt

Verlässliche Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer ist naturgemäß hoch. Unter Piloten gebe es prozentual genauso viele Alkoholkranke wie in der Gesamtbevölkerung, glaubt Hans-Werner Teichmüller vom Deutschen Fliegerarztverband. Das wären drei bis fünf Prozent. Aufschluss über das Ausmaß kann ein Blick in andere Länder liefern. In den USA wurden vor zwei Jahren 12.480 Piloten auf Alkohol getestet – zehn davon positiv. In Indien flogen 2016 deswegen 46 Flugzeugführer auf. Das Problembewusstsein jedenfalls wächst. Noch vor einigen Jahren war es etwa bei Air France üblich, den Piloten zum Mittagessen ein Glas Rotwein zu servieren. Heute wäre das undenkbar.

In Deutschland hat seit dem vom Copiloten absichtlich herbeigeführten Germanwings-Absturz im März 2015 ein Umdenken eingesetzt. Danach wurde das Luftsicherheitsgesetz geändert: Es gebe nun unangemeldete, stichprobenartige Alkohol- und Drogentests, so Cockpitsprecher Markus Wahl. „Piloten werden an Flughäfen rausgewunken und müssen in ein Röhrchen pusten, so wie bei Kontrollen im Straßenverkehr. Vorher gab es nur anlassbezogene Kontrollen, wenn sich ein Kollege bereits merkwürdig verhalten hat.“

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Alkoholiker sollen sich an Hilfsprogramme wenden

Hans-Werner Teichmüller vom Fliegerarztverband meint, die Kontrollen reichten aus. Markus Wahl warnt jedoch, dass Alkoholiker im Zweifel einen Weg fänden, diese Tests zu umgehen. Etwa, indem sie sich spontan krank melden, wenn sie von Kollegen erfahren, dass am Flughafen kontrolliert wird. Um Suchtkranke zu erreichen und ihr Verantwortungsgefühl zu stärken, sei es sinnvoller, Hilfsangebote auszubauen.

Mehrere Airlines unterhalten bereits entsprechende Stellen. „Dort können Betroffene anrufen und von ihrem Problem erzählen, ohne Angst zu haben, sofort ihren Job zu verlieren“, sagt Wahl. Denn der Arbeitgeber erfährt nichts vom Anruf. Für die Passagiere in London ging alles glimpflich aus. British Airways gelang es, einen Ersatzpiloten aufzutreiben. Mit zweistündiger Verspätung hob die Maschine ab und brachte die Urlauber sicher nach Mauritius.

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