ADHS

Ärzte kritisieren Sandwesten-Einsatz bei zappeligen Schülern

Mehrere Kilogramm wiegen Westen, die manche Schulen nervösen Kindern anlegen. Ärzte warnen: Die Schüler würden „als krank aussortiert“.

Seit vielen Jahren werden Kindern in Grundschulen und Förderschulen Sandwesten eingesetzt, mit deren Hilfe sie ruhiggestellt werden sollen.

Seit vielen Jahren werden Kindern in Grundschulen und Förderschulen Sandwesten eingesetzt, mit deren Hilfe sie ruhiggestellt werden sollen.

Foto: David-Wolfgang Ebener / dpa

Köln.  Kinder- und Jugendärzte haben den Einsatz von Sandwesten bei verhaltensauffälligen Kindern kritisiert. Ein therapeutischer Nutzen der bis zu sechs Kilogramm schweren Westen sei bisher nicht belegt, sagte der Sprecher der Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Josef Kahl, am Montag in Köln. Der Verband halte es nicht für vertretbar, „unruhigen, konzentrationsschwachen Kindern eine Sandweste anzuziehen und sie damit als Störenfriede oder gar als ADHS-Patienten zu stigmatisieren“.

Sandwesten werden seit vielen Jahren in Grundschulen und Förderschulen eingesetzt, wie Kahl erklärte. Lehrer und Therapeuten versprächen sich, dass die Westen vor allem zappeligen Kindern helfen, sich selbst besser zu steuern und im Schulunterricht zu beruhigen. Frühgeborene könnten damit die Enge des Mutterleibes wiedererleben.

Kinderärzte: Sandwesten kein Ersatz für Therapie

Unruhige, unkonzentrierte Kinder bräuchten jedoch eine gründliche Abklärung, aber nicht durch die Lehrer, betonte Kahl. Nur erfahrene Kinder- und Jugendärzte seien zu einer differenzierten Diagnose in der Lage. Sandwesten seien kein Ersatz für eine Therapie bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS).

Etwa drei bis fünf Prozent eines Jahrgangs sind dem Verband zufolge ADHS-Patienten, die eine Therapie brauchen. Viele andere Kinder, die sich nicht konzentrieren könnten, unruhig seien und den Unterricht störten, hätten meist einfach nicht gelernt, sich den Erfordernissen des Schulunterrichts anzupassen, zum Beispiel eine gewisse Zeit stillzusitzen und ruhig zu arbeiten.

Zu große Klassen, zu enge Räume

Die Kinder- und Jugendärzte beklagten, dass in vielen Schulen die Klassen zu groß und die Räume zu eng seien. Überforderte Lehrer berücksichtigten die individuellen Bedürfnisse der Schüler nicht ausreichend. „Unruhige Kinder als krank ‘auszusortieren’ und ihnen die Sandweste überzuziehen löst diese Probleme nicht“, hieß es. Sinnvoller wäre es, besser auf die Schüler einzugehen, kleinere Klassen einzurichten und mehr Bewegung in den Unterricht zu integrieren. (epd)