Gesellschaft

Was Amerikaner an deutscher Kindererziehung schätzen

Freies Spielen, Gefahren erklären, Vertrauen ins Kind – die Autorin Sara Zaske wirbt in den USA für den deutschen Erziehungsstil.

Die US-Journalistin Sara Zaske mit ihren Kindern Ozzie und Sophia auf einem Spielplatz in Berlin-Prenzlauer Berg

Die US-Journalistin Sara Zaske mit ihren Kindern Ozzie und Sophia auf einem Spielplatz in Berlin-Prenzlauer Berg

Foto: Gordon Welters

Berlin.  Ein gewöhnlicher Spielplatz in einer deutschen Großstadt ist für eine typische amerikanische Mutter gefühlt so sicher wie ein Minenfeld. So traute auch Sara Zaske (38) bei ihrem ersten Ausflug durch ihr neues Viertel Berlin Prenzlauer Berg ihren Augen nicht. Da waren sie, die Kinder, die in zwei Meter Höhe auf einem Klettergerüst balancierten, die bis in den Himmel schaukelten, die kopfüber die Rutsche nahmen, während sich ihre Mütter in aller Seelenruhe unterhielten.

„Sie schauten nicht einmal hin, was ihre Kinder taten“, stellte Sara Zaske damals fest. Sie sei anfangs schockiert gewesen. Heute ist die US-Amerikanerin und zweifache Mutter dagegen eine engagierte Verfechterin des deutschen Erziehungsstils. Eine, die nun versucht, ihre Landsleute zu bekehren.

Deutsche Kinder haben viele Freiheiten

„Es ist unglaublich toll zu sehen, wie viel Freiheiten deutsche Eltern ihren Kindern einräumen. Sie gehen oft alleine zur Grundschule, dürfen schon in jungen Jahren mit Schnitzmessern, Streichhölzern und Herdplatten umgehen“, sagt Sara Zaske. Die Autorin aus dem US-Bundesstaat Oregon verbrachte sechs Jahre in Berlin. Ihr Mann Zac hatte eine Stelle in einem wissenschaftlichen Institut angenommen. Ihre Tochter Sophia (11) war damals ein Kleinkind, Sohn Ozzie (8) wurde in Berlin geboren. Prenzlauer Berg wurde für die amerikanische Autorin zu einem Ort, an dem sie Feldforschung innerhalb der deutschen Kindergärten, Nachmittagskurse und Sandkästen betreiben konnte.

Was sie sah, hatte so gar nichts mit dem amerikanischen Erziehungsstil gemein. „US-Eltern sind so gepolt, dass sie auf jeder Wegstrecke, die ihre Kinder alleine zurücklegen, einen Kidnapper vermuten. Absolut kein Kind geht üblicherweise in den USA alleine zur Schule“, erzählt sie. Man würde vielmehr seine Kinder „wie kleine Gefangene“ behandeln, die mit GPS-Ortungschips ausgerüstet sind und genau vor der Schule abgesetzt werden. Auch eine Übernachtung im Kindergarten oder eine Klassenfahrt von einer Woche sei in den USA aufgrund vieler Elternvorbehalte unüblich. Das belegen auch Studien. Demnach verbringen amerikanische Kinder 90 Prozent ihrer Freizeit im Haus. Wer alternativ erziehen will, hat schlechte Karten.

So wurde die New Yorkerin Leonore Skenazy im Jahr 2008 in den USA als „Die schlechteste Mutter der Welt“ berühmt, weil sie ihren damals neunjährigen Sohn Izzie in „Big Apple“ alleine U-Bahn fahren ließ. Daraufhin entbrannte eine große Diskussion über Freiheit in der Erziehung, Leonore Skenazy bekam sogar ihre eigene Fernsehshow und gründete „Free Range Kids“ – die Bewegung der freien Kinder.

„Deutsche Eltern trauen ihren Kindern Dinge zu“

„Das wäre in Deutschland gar nicht nötig“, sagt Sara Zaske. Heute lebt sie in Kalifornien und empfindet es als Privileg, dass ihre Kinder einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland verbringen konnten. Die Erziehungsgrundsätze, die sie für typisch Deutsch hält, hat sie in ihrem Buch „Achtung Baby“ (Piatkus) verarbeitet, das in den USA am 2. Januar erscheint. Darin preist die zweifache Mutter allerdings nicht nur die Selbstständigkeit von deutschen Kindern, sondern auch ihre ausprägt offene Beziehung zur Natur, ihren Lehrern und Eltern.

Besonders angetan hat es ihr der hierzulande allseits bekannte Satz: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Frische Luft, stellte die Autorin fest, sei eine Maxime unter deutschen Eltern. Eine andere: Gefahrenquellen wie Streichhölzer und Schnitzmesser werden nicht verboten, sondern erklärt. „Deutsche Eltern trauen ihren Kindern Dinge zu und behandeln sie auf Augenhöhe“, sagt sie. Auch dass Eltern von Kindergartenkindern nicht dazu angehalten werden, ihrem Nachwuchs Lesen und Schreiben beizubringen, faszinierte sie. „Die Lehrer sagten uns Eltern, Lesen und Schreiben zu lernen sei eine Erfahrung, die Kinder gemeinsam im Klassenverband haben sollten.“ Der Kindergarten sei dagegen der Ort, wo sie spielen sollten, um soziale Kompetenz zu erlernen.

Der Trend zur Frühförderung

In den USA herrsche dagegen der Trend zu Frühförderung durch die Eltern vor. Dazu ermutigt hat Amy Chua, ihres Zeichens Professorin an der Elite-Universität Yale. In ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ (dtv) beschreibt die US-Chinesin, wie sie ihre zwei Töchter zum Klavier- und Geigespielen und zu guten Noten drillte. Pamela Druckerman lobte in ihrem Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ (Goldmann) dagegen die Gelassenheit der Pariserinnen.

Nun also ist es der deutsche Erziehungsstil, dem Sara Zaske bis heute übrigens nachtrauert: Als die Familie vor einem Jahr in die USA zurückkehrte, war ihre Tochter Sophia mit zehn Jahren die Einzige, die in ihrer Klasse kein Smartphone besaß. Das änderte sich dann allerdings schnell.

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