Berlin

Mami bucht das "Sorglos-Paket"

Weil die Zahl der Hebammen zurückgeht, boomen Service-Unternehmen wie Mama-Concierges

Berlin.  Als Anna Katharina Felder (33) vor sechs Jahren schwanger wurde, da war vieles noch nicht so kompliziert, sagt sie. Damals sah sie noch alle zwei Wochen ihre Hebamme Judith. Diese machte Hausbesuche bei ihr in der Bonner Innenstadt, tastete ihren Bauch ab, beantwortete Fragen, checkte den Blutdruck. Und nach der Geburt stand die Hebamme ebenfalls bereit: Sie wog Baby Leo, half der Mutter bei Fragen zum Stillen, Wickeln und Tragen. Frauen heute erzählen andere Geschichten, die meisten mit der gleichen Botschaft: Es ist extrem schwer, überhaupt noch eine Hebamme zu finden. Deshalb suchen sie häufig Hilfe über private Anbieter. Der Dienst der sogenannten Mama-Concierges boomt in Deutschland.

Die Zahl der Geburtshilfestationen in ganz Deutschland sinkt stetig. Noch 1991 gab es 1186 Stationen, wie die Bertelsmann Stiftung in einer Studie ermittelte, im Jahr 2014 dagegen waren es nur noch 725. Heute drohen laut dem Deutschen Hebammenverband (DHV) Dutzende weitere Schließungen. Wegen Engpässen im Kreißsaal mussten einige Entbindungskliniken in den vergangenen Monaten die Aufnahme von Schwangeren sogar tageweise stoppen. Auf der Insel Sylt wurde auch die letzte Geburtsstation geschlossen. Und das in Zeiten, in denen etliche Bundesländer und Kommungen neue Geburtenrekorde vermelden. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 792.000 Kinder geboren, das waren 55.000 mehr als im Jahr 2015.

Beratung zu Kinderwagen, Beistellbett, Milchpumpen

Mehr Babys, weniger Hebammen, das führt dazu, dass viele werdende Eltern, insbesondere schwangere Frauen, auf private Dienstleistungen zurückgreifen. Eine Pionierin auf diesem Feld ist Ulrike Käfer (31), zweifache Mutter und Co-Gründerin von Maternita in Berlin, einem der ersten Schwangerschafts-Concierges in Deutschland. Sprich ein Service für werdende Mütter und Väter, der den Eltern sowohl bei den Anträgen für das Elterngeld, als auch der Auswahl des besten Krankenhauses, der Erstausstattung, bis zur Suche nach den schönsten Babykursen hilft. Die Preise beginnen ab 69 Euro für die erste Rechercheleistung und enden bei 249 Euro für das Rundum-Sorglos-Angebot. "Wir haben uns vor knapp vier Jahren gegründet und unser Team mittlerweile auf mehrere Mitarbeiter erweitert", sagt Käfer.

Den Grund dafür sieht die Unternehmerin nicht nur in ihrem guten Angebot, sondern auch in dem Schrumpfen der staatlichen Versorgung. "Die Situation der Hebammen ist derzeit sehr schlecht."

Immer mehr Hebammen steigen aus der Geburtshilfe aus, weil die Berufshaftpflichtversicherung zu hoch ist: In den vergangenen zehn Jahren ist sie um rund 310 Prozent gestiegen. 2007 lag sie bei 1587 Euro pro Jahr. Mittlerweile beträgt sie 6483 Euro. Viele der etwa 23.000 Hebammen in Deutschland sehen ihre Existenz bedroht.

Auch deshalb empfehlen Experten, schon früh eine Hebamme zu suchen – drei Monate vor der Geburt sei meist zu spät. In deutschen Großstädten florieren deshalb private Serviceangebote für Schwangere. In München berät der Mami-Concierge rund um Kinderwagen, Beistellbett, Milchpumpen und Tragetücher. Die Dienstleister garantieren "qualifiziertes Personal". Sie arbeiten häufig mit ausgebildeten Kinderkrankenschwestern zusammen.

Auch Anna Felder aus Köln entschied sich bei ihrer jetzigen Schwangerschaft für eine private Betreuung. Ein Blutwert war auffällig, sie wolle keinen weiteren Stress, zumal ihr erstes Kind Leo noch klein sei.

Dass solche Dienste vielfach als fragwürdig dargestellt werden, findet Felder komplett unangebracht. "Es gibt Steuerberater, Hochzeitsplaner bis zum Dogwalker – für alles gibt es heutzutage eine Dienstleistung, doch nehmen Schwangere so etwas in Anspruch, werden sie häufig belächelt. Ich finde das unmöglich", sagt Felder. Dabei ginge es hier um ungeborenes Leben und nicht um übertriebene Befindlichkeiten.

Indes bereiten sich der Deutsche Hebammenverband und seine Mitglieder auf den nächsten Schlag vor. Am 1. Januar 2018 tritt ein Schiedsspruch in Kraft, der freiberuflichen Hebammen verbietet, mehr als die Betreuung von zwei Frauen unter der Geburt gleichzeitig abzurechnen. Was heißt: Betreut eine Beleghebamme auf der Geburtsstation zwei Frauen und kommt eine dritte dazu, kann sie diese zwar umsorgen, wird aber nicht dafür bezahlt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.