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Berliner Nachwuchsärztin: "Ich habe Kraft im Irak geschöpft"

Elisa Stein erlebte den Krieg gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat” – als Ärztin für die Hilfsorganisation Cadus im Irak.

Die Berliner Ärztin Elisa Stein bei einem Einsatz mit der Hilfsorganisation Cadus in Mossul.

Die Berliner Ärztin Elisa Stein bei einem Einsatz mit der Hilfsorganisation Cadus in Mossul.

Foto: privat

Mossul/Berlin.  In Nächten, in denen sie nicht schlafen kann, und wenn es ganz still ist, denkt die Ärztin Elisa Stein an die Toten, die den kurzen Weg aus der bombardierten Stadt zu der Krankenstation kurz hinter der Front nicht überlebten, die vor ihr auf dem OP-Tisch starben. Und an die Überlebenden, die in der Apokalypse weiter leben müssen.

Drei Wochen war die 34-jährige Berlinerin im Einsatz in Mossul, jener nordirakischen Stadt, die drei Jahre lang ein Machtzentrum der Terrormiliz "Islamischer Staat" war. Zur Zeit von Steins Einsatz wurde Mossul gerade von der US-geführten Anti-IS-Koalition bombardiert. Zwei Kilometer von der Front entfernt richtete sie mit Kollegen der Hilfsorganisation Cadus in einer verlassenen Autowerkstatt eine Krankenstation ein, einen Trauma Stabilisation Point. Dort versorgte sie Schwerstverletzte, fliehende Zivilisten und manchmal auch IS-Kämpfer.

Bilder von den Patienten bleiben dauerhaft im Kopf

Besonders oft erinnert sich Elisa Stein an den abgemagerten Mann, der nach einer Bombenattacke mit schweren Verbrennungen tagelang unter Trümmern ohne Wasser und Essen überlebt hatte. Sein verkohltes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, als er spürte, dass ihm jemand half. Und an das dehydrierte und ausgehungerte Kind, das nicht reagierte, als sich Fliegen in die Augenwinkel und in den Mund setzten. Es schüttelte die Fliegen ab, als die Ärztin ihm ein bisschen Sauerstoff gab und ein paar Tropfen Wasser in den Mund träufelte.

"Wenn ich vorher Bilder von Kriegsverletzten gesehen habe, fühlte ich mich schrecklich. Ich hasste es, tatenlos dem Leid zuzuschauen und nichts tun zu können", erzählt Stein. "Das ist jetzt nicht mehr so." Manchmal, vor allem wenn sie ein paar Tage hintereinander frei hat, fragt sie sich dafür nun: Warum bin ich nicht im Irak geblieben? Bis heute engagiert sie sich bei der Hilfsorganisation Cadus. Sie unterstützt das Team dabei, medizinisches Personal für die Einsätze auszusuchen oder kümmert sich um Spenden.

Mehrere Verletzte auf einmal versorgt

Elisa Stein arbeitet in der Rettungsstelle eines Krankenhauses im Südosten von Berlin und absolviert ihre Facharzt- und Notarztausbildung. Sie versorgt vor allem Menschen mit Erkrankungen der inneren Organe. In Mossul hatten ihre Patienten zerfetzte Beine und Arme und stark blutende Wunden. Viele waren in akuter Lebensgefahr. Meist wurden mehrere Verletzte auf einmal gebracht.

Oft sei sie am Limit gewesen, erinnert sich die Ärztin. Auf das Blechdach der Krankenstation schien den ganzen Tag die Sonne, drinnen fühlte es sich an wie in einer Sauna. Stein schlief auf einem Feldbett in einer offenen Garage neben der Krankenstation, immer in der dunkelblauen Arztmontur. Jeden Moment konnten die irakische Armee und der zivile Katastrophenschutz neue Verletzte bringen.

Die Mediziner hatten nur eine Basisausstattung an Operationsbesteck und kaum Medikamente. Sie mussten improvisieren, um die Patienten so weit zu stabilisieren, dass sie ins Feldkrankenhaus ein paar Kilometer weiter gebracht werden konnten, wo es mehr Equipment gab.

Flüchtenden auf der Balkanroute geholfen

"Rückblickend hat mich mein Weg nach Mossul geführt", sagt Stein. Im Herbst 2013 behandelte sie in Berlin Geflüchtete, die aus Protest gegen die Lebensbedingungen in Deutschland in den Hungerstreik getreten waren. Im Frühjahr 2016 arbeitete sie vier Wochen in einer mobilen Klinik in Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Im Sommer 2016 war sie mit einem weiteren Mediziner entlang der Balkanroute unterwegs, um die Menschen auf der Flucht zu unterstützen.

Vor drei Jahren lernte sie auf einer Veranstaltung das Team der kleinen Hilfsorganisation Cadus kennen. Die Berliner stellten ihre Idee einer mobilen Klinik für Kurdistan vor. Damals bildete das Team in Nordsyrien Menschen in medizinischer Nothilfe aus. "Dieser Ansatz, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, hat mich sofort überzeugt", sagt Stein. "Nur wenn wir Wissen weitergeben, helfen wir wirklich nachhaltig."

Medizin studiert, weil sie wirksam helfen will

An schwierigen Orten arbeitet sie schon lange. Kurz nach dem Abitur meldete sich Elisa Stein für einen internationalen Freiwilligendienst und landete in der Elfenbeinküste, wo gerade das Militär geputscht hatte. Damals plante sie, Ethnologie und Politik­wissenschaft zu studieren. Sie wollte mit Menschen in Krisengebieten arbeiten.

In Afrika merkte sie, dass die Kollegen mit medizinischer Ausbildung die größte Unterstützung waren. Sie warf ihre Pläne über den Haufen und begann nach der Rückkehr ein Medizinstudium. Vor dem Irak war sie schon oft in Indien und Nepal gewesen. Mit einer mobilen Klinik besuchte sie Bewohner von Slums, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Engagement gegen Kliniken als Wirtschaftsfaktor

"Der Einsatz in Mossul war bisher die krasseste Erfahrung", sagt Elisa Stein. Aber auch: "Ich habe Kraft im Irak geschöpft." Seit Jahren engagiert sie sich dagegen, dass in Deutschland Krankenhäuser zu Unternehmen gemacht werden, in denen Patienten Hightech und Medikamente bekommen, aber keine Zuwendung.

Bevor sie im Irak war, hatte sie ein wenig den Antrieb verloren. Nur in seltenen Momenten glaubte sie, mit ihrem Protest im deutschen Gesundheitssystem wirklich etwas bewegen zu können. Jetzt ist sie wieder voller Hoffnung. "Die Erfahrung, mit einfachen Mitteln viel bewegen zu können, war unglaublich wichtig für mich", sagt sie – und hofft, dass die Welt irgendwann eine bessere sein wird.

Über die Hilfsorganisation Cadus

Cadus ist eine gemeinnützige und unabhängige Hilfsorganisation mit Sitz in Berlin-Neukölln. Ihr Ziel ist, innovative und nachhaltige Projekte nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe" umzusetzen. Das Kernteam besteht aus zehn Ehrenamtlern, denen noch zahlreiche Unterstützer zur Seite stehen.

Cadus wurde vor 2014 gegründet und finanziert sich aus Spenden und Stiftungsgeldern. Der Verein betreibt unter anderem eine mobile Krankenstation, die im Nordirak und in Nordsyrien unterwegs ist. Dafür sucht Cadus noch Mitarbeiter für Logistik und Medizin.

cadus.org

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