Sexualdelikte

Warum der Weinstein-Skandal so lange unerkannt blieb

Harvey Weinstein im freien Fall: Mehr und mehr Prominente distanzieren sich von dem Hollywood-Produzenten. Einzelne verteidigen ihn.

Harvey Weinstein bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2014.

Harvey Weinstein bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2014.

Foto: Jordan Strauss / dpa

Los Angeles/Paris.  Der Skandal um den inzwischen geschassten Miramax-Produzenten Harvey Weinstein zieht immer weitere Kreise. Mehr und mehr Prominente distanzieren sich von dem 65-Jährigen.

Berühmte Hollywoodschauspielerinnen und Schauspieler, ehemalige Weggefährten, Mitarbeiterinnen, aber auch Ex-Präsident Barack Obama, dessen Tochter Malia ein Praktikum in Weinsteins Produktionsfirma absolviert hatte, sowie das Ehepaar Clinton, die mit Weinstein eine enge Freundschaft pflegten: Die Liste derer, die schockiert sind, aber nichts gewusst haben wollen, ist lang.

Einige Schauspielerinnen wie Kate Winslet, Angelina Jolie oder Julianne Moore sagten jedoch auch, man habe überall Gerüchte über Weinsteins Betragen gehört. Jolie bekundete, sie habe selbst ein schlechtes Erlebnis mit Weinstein gehabt und danach nie wieder mit ihm gearbeitet und andere Frauen vor einer Zusammenarbeit mit ihm gewarnt.

Weinsteins Betragen war Staatsanwälten, Journalisten und in der Filmbranche bekannt

Doch erst nach einem Bericht in der „New York Times“ trauten sich reihenweise Schauspielerinnen, Models und ehemalige Mitarbeiterinnen, von ihren Erlebnissen mit dem mächtigen Filmproduzenten zu berichten. Es werden zahllose Fälle von Belästigung, Missbrauch, Nötigung und fünf Fälle von Vergewaltigung untersucht. Unter den Frauen, die Weinstein Vergewaltigung vorwerfen, sind die Schauspielerinnen Asia Argento, Rose McGowan, Lysette Anthony und Lucia Evans. Eine weitere Betroffene soll ebenfalls Schauspielerin sein und wollte nicht namentlich genannt werden.

Dass die Vorwürfe erst jetzt ans Licht kommen, führen Viele auf Weinsteins riesigen Einfluss sowohl auf Angehörige der Filmindustrie als auch auf Journalisten in Magazinen, Zeitungen und im Fernsehen zurück. Immer wieder sollen große Stücke über Weinsteins Fehlverhalten und Schweigegeld-Zahlungen vorbereitet worden sein, immer wieder wurden sie jedoch zurückgezogen. Weil Miramax ein wichtiger Anzeigenkunde vieler Zeitungen war. Weil er Millionen an die Demokraten bezahlte und so Obama zum Sieg verhalf. Weil viele Journalisten auf seiner Gehaltsliste standen.

Woody Allen warnt vor einer Hexenjagd gegen Männer

Nach den Schauspielerinnen reagierten nun auch einige Regisseure. „Er ist ein Monster“, sagte Regisseur J.J. Abrams („Star Wars: Das Erwachen der Macht“) dem US-Magazin „The Hollywood Reporter (...) Ich glaube nicht, dass man genug darüber sprechen kann, wie abstoßend böse sein Machtmissbrauch war.“

Regisseur Woody Allen sagte, er sei betrübt über die Vorwürfe gegen Weinstein. Allen warnte aber auch vor einer Hexenjagd. In dem Fall gebe es keine Gewinner, „es ist einfach sehr, sehr traurig und tragisch für die armen Frauen, die das durchmachen mussten“, sagte Allen der BBC. „Aber es sollte auch nicht zur Atmosphäre einer Hexenjagd führen, in der jeder Kerl, der in einem Büro einer Frau zuzwinkert, plötzlich einen Anwalt rufen muss“, warnte der 81-Jährige.

Von den Vorwürfen gegen Weinstein will Allen nichts gewusst haben. „Niemand ist zu mir gekommen oder hat mir mit wirklicher Ernsthaftigkeit von diesen Horror-Geschichten erzählt.“

Allen selbst wird seit den 90er Jahren von seiner eigenen Adoptiv-Tochter sexueller Missbrauch vorgeworfen. Laut BBC half Weinstein Woody Allen, seine Karriere nach Bekanntwerden der Vorwürfe wieder aufzubauen.

Regisseur Oliver Stone verteidigt Weinstein

Oliver Stone gehört zu den wenigen Größen der Branche, die Weinstein verteidigen. Der Regisseur („Natural Born Killers“) sagte, Weinstein sei einem „wachsamen System zum Opfer gefallen“, das nur darauf warte, Männer wie Weinstein zu Fall zu bringen. Kurz darauf berichtete die Schauspielerin Patricia Arquette („Boyhood“), sie habe ebenfalls schon einmal ein seltsames Zusammentreffen mit Stone gehabt.

Ausschluss aus der Oscar-Akademie

Weinstein wurde im Zuge der Vorwürfe aus der Oscar-Akademie ausgeschlossen. Zudem verließ ihn seine Frau, die Marchesa-Designerin Georgina Chapman mit ihren zwei Kindern. Er soll sich derzeit in einer Entzugsklinik wegen Sexsucht behandeln lassen, wobei unter Psychologen debattiert wird, ob es so etwas wie Sexsucht überhaupt gibt. Im renommierten Nachschlagewerk DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) jedenfalls ist Sexsucht nicht als psychische Störung aufgelistet. Viele Betroffene möchten den mächtigen Produzenten auch lieber vor Gericht als in einer Gesprächstherapie sehen.

Psychische Störung als Strategie, Verantwortung abzustreiten

David J. Ley, klinischer Psychologe in Albuquerque, New Mexico, sagte gegenüber NBC News, er frage sich, seit wann es eine medizinische Störung sei, ein „egoistischer, frauenhassender Depp“ zu sein. Es sei eine bekannte Strategie mächtiger, reicher Männer, ihre geheimgehaltenen Eskapaden am Ende als Störung zu deklarieren.

Weinsteins Bruder Bob, sagte, Harvey sei ein „Weltklasselügner“, der noch nicht einmal wirklich in Therapie sei. Er habe seinen Bruder zahllose Male nahegelegt, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Auch in Frankreich drohen Weinstein inzwischen Konsequenzen. Staatspräsident Emmanuel Macron will Weinstein die Auszeichnung der Ehrenlegion entziehen – Frankreichs höchste Auszeichnung. „Ja, ich habe in der Tat die Schritte eingeleitet, um die Ehrenlegion zu entziehen“, sagte der Staatschef.

Dass Sexismus kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem ist, machten einmal mehr die Hunderttausenden Tweets deutlich, die sich unter dem Hashtag #metoo – „ich auch“ – sammelten. Die Schauspielerin Alyssa Milano („Charmed - Zauberhafte Hexen“) rief Frauen und Männer dazu auf, ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen zu teilen. Der Hashtag trendete über Stunden bei Twitter. (aba/dpa)


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