Essen/Roermond

Verfolgungsjagd im Grenzgebiet

Spektakulär gescheitert: In den Niederlanden wollten Kriminelle per Hubschrauber einen Drogenboss befreien

Essen/Roermond. Das lief nicht wie geplant. Ein potenzieller Fluchthelfer tot, zwei festgenommen – und der Schwerkriminelle weiter in Haft: In den Niederlanden sollte am Mittwoch offenbar ein bekannter Unterweltboss auf spektakuläre Weise aus dem Gefängnis befreit werden. Die Täter wollten der Polizei zufolge einen Hubschrauber kapern und den Gefangenen von oben kommend im Gefängnishof in der Provinz Limburg einsammeln. Doch die Ermittler erfuhren nach eigenen Angaben von dem Plan und konnten ihn vereiteln.

Mit dem Verschwinden von 225 Kilo Kokain fing es an

Spektakulär war dann immerhin die Verfolgungsjagd per Auto, bei der die Polizei im deutsch-niederländischen Grenzgebiet den Verdächtigen hinterherjagte und sich am Ende im Dorf Roosteren einen Schusswechsel mit ihnen lieferte. Dabei wurde einer der Flüchtigen so schwer verletzt, dass er später seinen Verletzungen erlag.

Der Mann, der befreit werden sollte, ist nach Informationen der Nachrichtenseite "NOS" Benaouf A., einer der Hauptakteure im Amsterdamer sogenannten Mocro-Krieg: "Mocros" ist in den Niederlanden eine umgangssprachliche Bezeichnung für Menschen marokkanischer Herkunft. Benaouf A. sitzt im Gefängnis von Roermond seit 2012 eine zwölfjährige Haftstrafe wegen Anstiftung zum Mord ab.

Er hatte den niederländisch-marokkanischen Kriminellen Najeb Bouhbouh töten lassen. Dabei sei es um das Verschwinden von 225 Kilogramm Kokain im Hafen von Antwerpen gegangen, für das der Getötete verantwortlich gemacht wurde. Dass die Drogen in Wirklichkeit von der Polizei beschlagnahmt worden waren, sei zum Zeitpunkt des Mordes noch nicht klar gewesen, so "NOS". Die Tat gilt als Beginn des blutigen Drogenkrieges, bei dem bislang 20 Menschen in diesem Milieu getötet wurden.

Die Polizei bestätigte nach dem Vorfall in der Provinz Limburg, dass es sich bei dem Ziel der Befreiungsaktion um einen Verurteilten handelte, der für seine Beteiligung an einem Mord im Amsterdamer Kriminellenmilieu einsitzt.

Die Ermittler aus Amsterdam leiteten den Einsatz, weil sie den drei nun gescheiterten Fluchthelfern bei regionalen Recherchen zum Drogenkrieg in ihrer Stadt auf die Spur gekommen seien. Weil die Verfolgungsjagd "in hohem Tempo" mit dem anschließenden Schusswechsel und einem getöteten Verdächtigen ein "besonderer Vorfall" gewesen sei, erklärten sie trotz laufender Ermittlung in einer öffentlichen Mitteilung, was passierte: "Die Männer standen unter Verdacht, einen Hubschrauber in Limburg kapern zu wollen." Dies sei durch das Verhaftungsteam vereitelt worden. Man habe in einer Tasche der Verdächtigen Teile einer automatischen Waffe gefunden.

Die Polizei gab weiterhin bekannt, dass sie neben den drei erwähnten Verdächtigen noch einige weitere Personen suche, die in Verbindung zur Kriminellen-Szene von Amsterdam stünden. Die Suche nach diesen Verdächtigen sei im vollen Gange.

Der Anwalt von Benaouf A. sagte der niederländischen Nachrichtenagentur ANP, dass er aus den Medien von dem möglichen Fluchtversuch erfahren habe. Dass es wirklich um seinen Mandanten ging, bestätigte er nicht. Für Benaouf A. befürchte er aber keine negativen Folgen. Wenn andere versuchten, ihn zu befreien, könne er dafür nicht bestraft werden.

Die Zeitung "Het Parool" beschrieb 2014 das Leben A.s vor seiner Festnahme. Demnach hat er falsche Papiere benutzt, ständig wechselnde Mietwagen gefahren und sich in Wohnungen aufgehalten, die nicht auf seinen Namen angemeldet waren. Um sich zu schützen, habe er außerdem jeden Monat das Telefon gewechselt.

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