Ermittlungen

Pädophilie-Verdacht gegen britischen Ex-Premier Heath

Der verstorbene britische Premier Heath steht seit längerem in Verdacht, Kinder missbraucht zu haben. Nun ziehen Ermittler Bilanz.

Der verstorbene Premierminister Edward Heath geriet unter Pädophilie-Verdacht. Beweise für die Anschuldigungen gibt es allerdings nicht.

Der verstorbene Premierminister Edward Heath geriet unter Pädophilie-Verdacht. Beweise für die Anschuldigungen gibt es allerdings nicht.

Foto: Ian Hodgson / REUTERS

London.  Die Polizei der Grafschaft Wiltshire ist zwei Jahre einem Pädophilie-Verdacht gegen den früheren britischen Premierminister Edward Heath nachgegangen und hat ihre Ergebnisse am Donnerstag veröffentlicht. Heath, der von 1970 bis 1974 Regierungschef war und im Jahre 2005 im Alter von 89 Jahren verstarb, soll zwischen 1956 und 1992 eine Reihe von Kindern und Jugendlichen sexuell missbraucht haben.

„Operation Conifer“ hieß die Polizei-SoKo, die in den letzten zwei Jahren ermittelt hatte. Insgesamt 40 Opfer hätten sich gemeldet, und in sieben Fällen, so der Bericht, sei die Beweislage derart, dass der Ex-Premier, wenn er heute noch leben würde, von der Polizei deswegen verhört würde.

Alle Anschuldigungen bisher unbewiesen

Einer der frühesten Anschuldigungen, heißt es im Bericht, stamme aus dem Jahre 1961: „Sir Edward Heath vergewaltigte und sexuell nötigte angeblich einen Jungen im Alter von 11 Jahren während eines privaten und bezahlten Begegnung in einer Wohnung.“ Entscheidend ist hier die Vokabel „angeblich“.

Denn alle Anschuldigungen, unterstreicht der Bericht, seien bisher unbewiesen. Auch die Entscheidung, dass man Heath in sieben Fällen zum Verhör vorladen würde, sei kein Beweis seiner Schuld. Doch die Liste der Anschuldigungen ist lang. Ein Vergehen soll sich 1967 zugetragen haben, als Heath der Parteivorsitzende der Konservativen war, ein anderes als er 1964 als Handelsminister diente.

Privatsekretär: Heath war „völlig asexuell“

Während seiner Zeit als Premier in der Downing Street gab es keine Anschuldigungen, aber nach seiner Amtszeit soll es zwei weitere Vergehen 1976 und 1992 gegeben haben. Die Beschuldigungen reichen von körperlichen und sexuellen Missbrauch bis zur Vergewaltigung.

Freunde und Weggefährten von Edward Heath bestreiten energisch, dass an den Anschuldigungen etwas dran sein könnte. Sein Patensohn Lincoln Seligman protestierte, dass die Polizei „in diesem Fall als Richter und Jury gehandelt und Heath verurteilt hat. Das hat sein Ansehen enorm und in einer unfairen Weise beschädigt.“

Lord Armstrong of Ilminster, der ehemalige Privatsekretär von Heath, sagte: „All jene, die Sir Edward Heath kannten oder mit ihm arbeiteten, sind ohne Ausnahme davon überzeugt, dass sich die Anschuldigungen von Kinderschändung als grundlos herausstellen.“ Armstrong behauptete, dass sein früherer Chef „völlig asexuell“ gewesen sei. „Ich habe niemals einen Hauch von Sexualität an ihm erlebt, ob es in Beziehung zu Frauen, Männern oder Kindern war.“

Großbritannien erschüttert Missbrauchsskandal

Seit dem Herbst 2012, als herauskam, dass Jimmy Savile, ein Fernsehstar der BBC und ostentativer Gutmensch, tatsächlich ein serienmäßiger Kinderschänder war, wurde Großbritannien von einem Missbrauchsskandal erfasst, der nicht abreißen will. Eine Untat nach der anderen kam heraus. Vergewaltigungen in Kinderheimen in Wales und Nordirland. Leichenschändung im Krankenhaus.

Ein angeblicher Pädophilen-Ring im Parlament. Reihenweise Popstars unter Verdacht des Kindesmissbrauchs. Zuletzt der Skandal von Rotherham, wo über siebzehn Jahre mehr als 1400 Kinder sexuell missbraucht wurden, ohne dass Polizei oder Sozialdienste eingeschritten wären.

An anderen Fällen war nichts dran

Die Polizei hat eine Reihe von Untersuchungen von Kindesmissbrauchsfällen eingeleitet. Oft handelt es sich um historische Fälle, die bis zu 50 Jahre zurückreichen. Oft aber hat sich auch herausgestellt, dass an Beschuldigungen nichts dran war, wie im Fall des ehemaligen Kabinettsministers und EU-Kommissars Lord Leon Brittan.

Nachdem die Polizei nach dessen Ableben Ermittlungen zu Vorwürfen des Kindesmissbrauchs unternahm und trotz der großen Publizität der Vorwürfe keine Beweise sammeln konnten, mussten sie der Witwe Brittans ein bedeutendes Schmerzensgeld zahlen.