Anklage

Hat ein Bottroper Apotheker Krebsmedikamente gestreckt?

Fast 62.000-mal soll ein Apotheker aus Bottrop Arzneien für Kranke verdünnt haben. Die gepanschten Mittel soll er teuer verkauft haben.

In dieser Apotheker soll Peter S. Krebsmedikamente gestreckt und an Patienten ausgegeben haben.

In dieser Apotheker soll Peter S. Krebsmedikamente gestreckt und an Patienten ausgegeben haben.

Foto: FUNKE Foto Services / Lars Heidr / Funke Foto Services

Essen/Bottrop.  Trotz allem, was passiert ist, laufen die Geschäfte immer noch gut. Die Apotheke mit der rosa gestrichenen Altbaufassade in der Fußgängerzone von Bottrop ist ein Kundenmagnet – dabei lastet auf dem Mann, der sie betreibt, ein ungeheuerlicher Verdacht. Peter S. soll Krebsmedikamente gestreckt haben.

61.980 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz wirft die Staatsanwaltschaft Essen dem Mann vor. Viele Patienten beziehungsweise Angehörige haben außerdem Strafanzeigen wegen Tötung oder Körperverletzung erstattet – sie fürchten, dass Peter S. den Tod von Kunden in Kauf nahm, um sich zu bereichern. Der Fall schlägt hohe Wellen, Patientenschützer fordern eine schärfere Überwachung der rund 300 Schwerpunktapotheken für Krebspatienten in Deutschland.

Staatsanwaltschaft schätzt Schaden auf 56 Millionen Euro

Die Staatsanwaltschaft Essen hat in der Anklageschrift 35 Medikamente aufgelistet, die der Apotheker in Zehntausenden von Fällen mit weniger Wirkstoff als verordnet hergestellt hat. Diese gepanschten Mittel soll er teuer verkauft haben. Nach Einschätzung von Oberstaatsanwältin Anette Milk ist durch diesen gewerbsmäßigen Betrug ein Schaden von 56 Millionen Euro entstanden.

Aufgeflogen ist die Sache durch Mitarbeiter der Apotheke: Eine frühere Assistentin überbrachte eine verdächtige Infusion der Polizei. Die ließ das "Medikament" untersuchen – es enthielt keinerlei Wirkstoff, sondern war eine reine Kochsalzlösung. Ende 2016 wurde der Apotheker festgenommen.

Der Apotheker war als Wohltäter bekannt

In der Ruhrgebietsstadt Bottrop war der Pharmazeut ein angesehener Mann. Finanziell schien er sorgenfrei zu sein. Seine Apotheke beschäftigt 90 Mitarbeiter, zudem investierte er in mehrere Ärztehäuser in der Nachbarschaft. Der Alleinstehende habe sich Anerkennung erkauft, indem er als Gönner auftrat, heißt es: Er spendete hier, spendete dort, organisierte Spendenläufe für das örtliche Hospiz. Zuletzt war der Erlös fast sechsstellig.

Seine Apotheke war bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe eine sogenannte Onkologie-Schwerpunktapotheke. Solche Apotheken verfügen über sterile Labore und versorgen Patienten individuell mit krebshemmenden Medikamenten.

Stadt Bottrop richtet Hotline für mutmaßliche Opfer ein

Der Beschuldigte habe "die Beschaffungspraxis seiner Apotheke systematisch so ausgerichtet, dass es von vornherein unmöglich war, die große Vielzahl der von ihm vertriebenen Zubereitungen mit den verschriebenen Wirkstoffen in den verschriebenen Mengen herzustellen", heißt es in der Anklage.

Die Zahl der Betroffenen geht in die Tausende: Es sind Menschen, die sich fragen, ob sie durch die wirkungslosen Medikamente wertvolle Lebenszeit verloren haben – oder ob inzwischen Verstorbene noch leben könnten. Die Stadt Bottrop hat eine Hotline für Betroffene eingerichtet. Anfangs meldeten sich bis zu 130 Anrufer pro Tag.

Schärfere Kontrollen gefordert

Patientenvertreter fordern nun bessere Kontrollen. "Die Kontrollregeln für Schwerpunkt-Apotheken sind miserabel", kritisiert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Der Bundesgesundheitsminister müsse die gesetzlichen Regelungen verschärfen. "Wir setzen zu sehr auf Vertrauen", findet Brysch.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangt in einer Petition, es müsse regelmäßige unangekündigte Überprüfungen geben, "eine Plausibilitätskon­trolle des Wareneingangs und Warenausgangs". Präparate müssten stichprobenartig kontrolliert werden.

Anklageschrift umfasst 820 Seiten

Das mögliche Ausmaß des Betrugs ist beinahe unvorstellbar: Der errechnete Schaden von 56 Millionen Euro bezieht sich laut Anklage allein auf gesetzliche Krankenkassen. Mehr als 10.000 Fälle, die mit privaten Versicherungen abgerechnet wurden, seien gar nicht erst berücksichtigt worden. Das Gericht muss die 820-seitige Anklage nun prüfen und dann entscheiden, ob es ein Verfahren eröffnet.

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