Kiel/Berlin

Kriegsschrott bedroht die Küsten

1,8 Millionen Tonnen Kampfmittel liegen in Nord- und Ostsee. Forscher warnen vor austretenden Giften

Kiel/Berlin. Für Bernsteinsammler sind die Ostseestrände ein lohnendes Revier. Doch auf Usedom, Rügen oder der Halbinsel Darß können die vermeintlichen Schätze brandgefährlich sein: Immer wieder ziehen sich Spaziergänger auf der Suche nach Urlaubsmitbringseln schwere Verbrennungen zu. Denn Phosphorklumpen sehen Bernstein zum Verwechseln ähnlich. Stecken Sammler sich die Brocken in die Hosentasche, trocknet der Phosphor und entzündet sich – die Opfer erleiden schwerste Verletzungen.

Phosphor wurde hauptsächlich in Brandbomben eingesetzt. Ost- und Nordsee sind voll davon. Die Dimensionen sind schwer fassbar: Schätzungsweise 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel liegen vor den deutschen Küsten auf Grund. Lange fühlte sich niemand so richtig dafür zuständig. Doch nun, fordern Wissenschaftler, wird es Zeit, sich endlich damit zu beschäftigen: Die von Munition ausgehende Gefahr könnte größer sein als befürchtet. Man müsse endlich erforschen, "was da unten vor sich geht", macht der Kieler Ozeanforscher Jens Greinert deutlich.

Ein großer Teil des Schrotts stammt aus den Tagen nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach der deutschen Kapitulation stießen die Alliierten in Deutschland auf ein gigantisches Waffenarsenal – und entsorgten es in Nord- und Ostsee. Dazu kommen Seeminen der Briten und der Deutschen sowie an falscher Stelle abgeworfene Bomben. All das verursacht horrende Kosten. Schiffsrouten müssen immer wieder von Minen geräumt werden, weil moderne Technik Munition auch in Fahrwasser aufspürt, das bereits als geräumt galt. Die komplette Beseitigung der Kampfstoffe in Nord- und Ostsee würde Milliarden verschlingen, sind sich Experten einig. Doch je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Gefahr für Mensch und Umwelt.

Fischern gehenGranaten ins Netz

Bereits jetzt bringt der Kriegsschrott immer wieder Menschen in Gefahr. Betroffen sind etwa Fischer, die in ihren Schleppnetzen versehentlich Granaten bergen. Es mussten schon ganze Strandabschnitte gesperrt werden, um sie von Kriegsmüll zu säubern.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Zustand der Bomben und Granaten verschlechtert: Nach Jahrzehnten im Salzwasser verrosten die Metallgehäuse. Der Sprengstoff TNT gelangt bereits in kleineren Mengen in die Umwelt, sagte unlängst während einer Fachkonferenz Ulrike Kammann vom Hamburger Thünen-Institut für Fischereiökologie. Bei Untersuchungen einer Plattfischart in einem mit Kampfstoffen besonders belasteten Meeresgebiet bei Kiel stellten Forscher fest: 25 Prozent der Fische wiesen Lebertumore auf. Normalerweise hätten weniger als fünf Prozent der Tiere einen Tumor. Es besteht der Verdacht, dass das TNT die Wucherungen verursacht. Eine Arbeitsgruppe der Uni Kiel hat zudem festgestellt, dass Muscheln, die direkt auf verrosteten Bomben sitzen, TNT aufnehmen. "Es besteht die Gefahr, dass das Gift in die Nahrungskette gelangt", warnt Jens Greinert.

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Projekte, die erforschen, wie die Gesellschaft den Schrott loswerden könnte. Greinert schlägt vor, die Teile in spezielle Gebiete auf dem Meeresgrund zu schaffen – Sondermülldeponien unter Wasser. Eines Tages sollen ferngesteuerte Roboter die Granaten aufschneiden und den Sprengstoff inaktivieren. Die Zeit drängt. Greinert prophezeit jedoch: "Man wird den Schrott nie komplett bergen können. Das ist aufgrund der schieren Menge illusorisch."

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