Kiew

Zwischen Pop und Kriegslärm

| Lesedauer: 3 Minuten
Stephan Scholl

Das ESC-Finale am Sonnabend in Kiew ist durch den russisch-ukrainischen Konflikt politisiert wie nie

Kiew. Der Countdown zum ESC-Finale läuft: Am Sonnabend ist es endlich so weit. Dann werden 26 Kandidaten in Kiew ihr Land mit einem Song vertreten und auf die begehrten „twelve points“ hoffen. Die ukrainische Hauptstadt putzt sich nach 2005 zum zweiten Mal für den Song Contest heraus, der dieses Mal durch den russisch-ukrainischen Konflikt politisiert ist wie nie. Am heutigen Donnerstag steht noch das zweite Halbfinale an, dann ist endlich klar, wer die Konkurrenz für Deutschlands Levina ist.

Gebucht fürs Finale ist schon längst die Moderatorin: Barbara Schöneberger wird wieder durch den Abend führen (21 Uhr, ARD): Am späten Dienstagabend haben sich bereits im ersten Halbfinale zehn Teilnehmer qualifiziert: Mit dabei die Top-Favoriten Robin Bengtsson aus Schweden, der mit einem Song überzeugte, der an Justin Timberlake erinnert. Artsvik aus Armenien begeisterte die Juroren mit einem Ethno-Elektro-Song. Auch die als Geheimtipp gehandelte Blanche aus Belgien gehört zu den 26 Teilnehmern der Eurovision-Endrunde. Australien hat es mit dem 17-jährigen Isaiah ebenfalls geschafft. Bei seinem „Don’t come easy“ schmelzen Mädchenherzen dahin, so die Jury.

Deutschland ist längst gesetzt. Sängerin Levina wird mit ihrem Lied „Perfect Life“ antreten. Sie musste nicht durch die Halbfinalprüfung, denn Deutschland , Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien gelten als „Big Five“-Länder – die größten Geldgeberländer, die automatisch dabei sind. Auch dabei ist das Land, das im Vorjahr den Titel gewonnen hat und damit Gastgeberland ist.

Ort der großen Party in Kiew ist das Internationale Ausstellungszentrum am östlichen Dnjepr-Ufer. Das Publikum kann per U-Bahn oder auf eigens eingesetzten Dampfern dorthin gelangen. Insgesamt 30 Millionen Euro haben die Veranstalter ausgegeben, auch für acht Fan-Zonen im historischen Stadtzentrum, die größte auf der Prachtstraße Kreschtschatik. Dort, wo 2013 und 2014 monatelang die Maidan-Revolutionäre kampierten, ist jetzt Platz für 12.000 Schlagerfans.

Kiew als Austragungsort war heftig in die Diskussion geraten. Schon wegen der Ballade über die Deportation der Krimtataren 1944, dem Siegerlied von Stockholm, mit dem die krimtatarische Sängerin Jamila den Wettbewerb nach Kiew gebracht hatte. Ein Politikum. Im März 2014 hatte Russland die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel besetzt. Jamilas Sieg wurde in Moskau als antirussischer Affront aufgenommen. Und das russische Staatsfernsehen antwortete, indem es für Kiew in letzter Minute Sängerin Julia Samoilowa nominierte. Obwohl durchaus voraussehbar war, dass die Ukraine ihr die Einreise verweigern würde, weil sie 2015 auf der Krim aufgetreten war – ein Verstoß gegen ukrainisches Gesetz. Die Russen erklärten der Ukraine den Boykott, das Fernsehen will das Finale nicht ausstrahlen.

Der große Favorit kommt aus Italien

Das Motto des Festivals lautet dieses Jahr „Feiert die Vielfältigkeit“. Und der Betonbogen „der Völkerfreundschaft“ im zentralen Kreschtschatik-Park wurde trotz einiger rechtsradikaler Proteste als „Torbogen der Vielfältigkeit“ mit Regenbogen-Farben beklebt und ausgeleuchtet, die Fangemeinde der Homosexuellen wird es freuen. Die Stimmung ist gelöst, vielleicht weil der große Skandal schon vorbei ist.

Dieses Jahr singen die Teilnehmer keine Lieder, die politische Kampfabstimmungen hervorrufen könnten. Und es sind mehrere Kandidaten am Start, denen man auch in Russland die Daumen drücken wird. Etwa dem erst 17-jährigen Bulgaren Kristian Kriov, der in Moskau aufwuchs.

Erklärter Favorit ist allerdings der Italiener Francesco Gabbani. Sein Sieg wäre wohl auch Moskau recht. Denn im Gegensatz zur Ukraine weiß in Italien längst nicht jeder Musikinteressierte, wo die Krim liegt.

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