Einhorn-Hype

Darum sind plötzlich alle so verrückt nach Einhörnern

Sie sind bunt, kitschig und überall: Der Einhorn-Kult hat Deutschland erfasst – weil die Menschen Sehnsucht nach der heilen Welt haben.

Magische Wesen: Einhörner als Repräsentanten einer bisweilen rosa eingefärbten Traumwelt erfreuen sich bei realitätsmüden Menschen großer Beliebtheit.

Magische Wesen: Einhörner als Repräsentanten einer bisweilen rosa eingefärbten Traumwelt erfreuen sich bei realitätsmüden Menschen großer Beliebtheit.

Foto: totallyjamie / Getty Images/iStockphoto

Berlin.  Im vergangenen November brachte der Schokoladenhersteller Rittersport seine Einhorn-Sonderedition als „quadratisch, magisch, gut“ auf den Markt – mit ungeahnten Folgen. Es dauerte keinen Tag, da waren 150.000 Tafeln, deren Verpackung mit glitzerndem Regenbogen und Einhorn herausstachen, ausverkauft. Und das, obwohl die Kreation aus weißer Schokolade, Joghurt und Himbeeren einfach nur süß schmeckte. Doch die „Glittersport“ versetzte die Hipsterwelt derartig in Ekstase, dass der Onlineshop des Unternehmens zusammenbrach.

Seither erobert das Unicorn (englisch für Einhorn) die Verkaufsregale quasi im Galopp. Es taucht auf T-Shirts, Luftballons, Schlüsselanhängern, Haarbürsten, Lidschatten, Schwimmreifen, Hausschuhen, Klebeband-Abrollern, Handy-Hüllen, Playstation-Controllern, ja, einfach überall auf. Shops, Clubs und Partys werden für den Mono-Fantasy-Fetisch aus der Taufe gehoben.

Zur Karnevalszeit war das Einhorn ein Kostüm-Hit – inklusive mächtigem Spiralhorn für die Hauskatze. Eine laut Hersteller nach „Sternchen und Wölkchen“ duftende „Regenbogendusche“ war innerhalb kürzester Zeit vergriffen, Einhorn-Kondome versprechen „magischen“ Spaß, Sportschuhhersteller Converse hält mit seinen Chucks Unicorn Tinglers Schritt.

Das Einhorn verkörpert etwas Märchenhaftes

Dass die Vermarktung des sagenhaften Wesens auch noch im dritten Jahrtausend und 35 Jahre nach dem Kinofilm „Das letzte Einhorn“ funktioniert, lässt sich laut Peter Wippermann, Trendforscher und Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen, gut erklären. „Das Einhorn verkörpert etwas Märchenhaftes, und es steht für die Realisierung von Träumen“, sagt er.

In Krisenzeiten sei es den Menschen ein positives Sinnbild. So stehe das Einhorn einer derzeit politischen Polarisierung entgegen, die für die Gesellschaft unabwägbar sei – drastisch ausgedrückt: So wie Flower Power den Vietnam-Krieg kontrastierte. „Das Einhorn verspricht ein Happy End“, sagt Wippermann. Weiterhin schaffe das Symbol des Guten und der Reinheit im Internet eine Verbindung unter allen, die diese Sehnsuchtsvorstellung teilten.

Professor Richard Geibel, Studiendekan für Digitales Management an der Fresenius-Hochschule in Köln, sieht den Unicorn-Trend nüchtern. „Das ist wieder einmal ein bemerkenswertes Beispiel, wie ein Produkt viral geht und mit der Welle zum Verkaufshit wird – ganz ohne finanzielles Zutun.“ Dabei bedienten sich die Vermarkter vor allem dem Ruf des Einhorns, etwas Einzigartiges zu sein. Ein kluger Schachzug sei es deshalb, die Verfügbarkeit der Einhorn-Produkte auf wenige Stücke oder Tage zu verknappen und so Exklusivität vorzugaukeln, wie Geibel sagt. Die Botschaft: Nicht jeder kann ein Einhorn haben.

Auch Starbucks ist auf den Zug aufgesprungen

Mit dieser Strategie ist auch die US-Kaffeehauskette Starbucks gerade auf den Einhorn-Zug aufgesprungen : Vor zwei Wochen beglückte sie ihre Kunden mit dem „Unicorn Frappuccino“ – ein pinkfarbener (Alb)-Traum aus Milch, Eis, Sahne, verschiedenen süßen Sirup-Sorten und bestreut mit „Zauberpulver“, also in Pink und Babyblau eingefärbtem Zucker. Kaffee war nicht drin. Die Aktion mit dem 410 Kalorien schweren „Lebenselexier“ dauerte nur wenige Tage, die Leute standen Schlange.

Dabei ist der Ursprung des geheimnisvollen Tieres gar nicht zauberhaft. Denn der Begriff Einhorn ist wohl auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen. Grund für den Irrtum waren Historikern zufolge babylonische Reliefs und Wandmalereien. Diese zeigten die Tiere im Profil, wobei nur eines der beiden Hörner zu sehen ist. Gemeint war vermutlich eher der Auerochse.

Doch Philosophen der Antike wie Aristoteles beschäftigten sich in ihren Schriften mit dem Einhorn, Abenteurer wie Marco Polo wollten es auf ihren Reisen gesehen haben (vermutet wird, dass es sich um das Sumatra-Nashorn handelte). Gelehrte wie Hildegard von Bingen sowie mittelalterliche Alchemisten sprachen dem Horn des Einhorns heilende Kräfte zu.

Das Fabelwesen ist ein Mythos der Gründerszene

Im Internet jedenfalls hat das Einhorn die virale Rennbahn erobert. Fünf Millionen Beiträge gibt es auf Instagram, dank Snapchat kann man sein Bild mit einem speziellen Filter in ein Einhorn verwandeln, Facebook-Nutzer sinnieren in Lifecoach-Manier: „Sei du selbst. Außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn.“

Jenseits von Kitsch und Infantilität ist das Fabelwesen zum Sinnbild der Finanzbranche geworden. „Es repräsentiert den Überflug schlechthin“, sagt Meike Neitz, Inhaberin der Unternehmensberatung „Die Zukunftsmanufaktur“. So fungiert das Einhorn als moderner Mythos der Gründerszene: Wer gehört dazu? Wer hat das Zeug, zum nächsten Einhorn zu werden? Als Unicorns gelten Start-ups, die einen Wert von über einer Milliarde Dollar haben.

Die Spitze des Einhorn-Wahnsinns erreicht uns im Sommer

Unterdessen wird im Handel wieder ein neues Einhorn durchs Dorf getrieben. Für nach Zuckerwatte riechendes Einhorn-Klopapier reisten Menschen auch aus einiger Entfernung zu dem Supermarkt, der das Produkt mit den Worten anpries: „Es war noch nie so leicht, einen süßen Arsch zu bekommen.“ Der Tiefpunkt?

Trendforscher Wippermann glaubt das nicht: „Wir werden mit Sicherheit noch bis Ende des Jahres etwas vom Einhorn haben.“ Die Spitze des Einhorns käme mit dem Sommer, der Zeit von bunten Accessoires und Bademoden. Eine bedrohliche Vorstellung.