Musik

Vom Stiefkind zur Superdiva – Barbra Streisand wird 75

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Sie macht sich in letzter Zeit rar: Barbra Streisand 2016 bei den Tony Awards in New York.

Sie macht sich in letzter Zeit rar: Barbra Streisand 2016 bei den Tony Awards in New York.

Foto: Getty Images / WireImage/Getty Images

Barbra Streisand hat sich ihren Erfolg unter widrigen Umständen ertrotzt. Am Montag wird die unbeugsame Entertainerin 75 Jahre alt.

Washington.  Als bekannt wurde, dass Donald Trump es für akzeptabel hält, Frauen in den Schritt zu greifen, soll sich ihr leichter Silberblick zu einer messerscharfen Speerspitze verengt haben. Im Falle eines derartigen Annäherungsversuchs hätte Barbra Streisand mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vermutlich kurzen Prozess gemacht.

Die letzte noch lebende Multitalente-Diva, die im Theater, vor der Filmkamera, am Mikrofon und auf der Konzertbühne Geschichte geschrieben und Millionen zu Tränen gerührt hat, hat sich nie von Männern herumschubsen lassen. Eher das Gegenteil. An diesem Montag wird die Frau, die sich mit unbeugsamem Ehrgeiz aus widrigen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat, 75 Jahre alt.

Mutter: Mit der Nase wird das nichts

Barbra Streisand, die, um aufzufallen, früh das zweite A aus ihrem Geburtsnamen Barbara löschte, wuchs in der Enge eines jüdisch-orthodoxen Haushalts im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf. Der Vater, ein Grundschullehrer, starb, als sie 15 Monate alt war. Mit dem tyrannischen Stiefvater verstand sie sich nie. Die Mutter, eine gestrenge Schulsekretärin, wollte ihre Talente – sie war der Klassenclown und konnte glockenhell singen – weder erkennen noch fördern.

Begründung: Mit der Nase wird das nichts. Geprägt durch Herabsetzungen („Ich war unscheinbar, dünn, hässlich, und niemand wollte mit mir spielen“) formte sich die junge Frau zu einer Einzelkämpferin, die sich nach Schauspiel- und Gesangsunterricht ihre Siege ertrotzen musste. Noch im Alter verspürt sie vor Auftritten Lampenfieber, „dass sich mir fast der Magen umdreht“.

70 Alben, 150 Millionen Verkäufe als Superlative

Was verwundert, verbinden sich mit dem Namen Streisand doch Superlative, wie sie sonst niemand vorzuweisen hat: knapp 70 Alben, die sich bis heute 150 Millionen Mal verkauften – öfter als die Werke der Beatles. 20 Filme, darunter Jahrhundert-Epen wie „So wie wir waren“, das mit dem Titellied „The Way We Were“ einen der wirkungsvollsten Taschentuch-Songs Hollywoods produzierte.

Alle wichtigen Preise der Entertainment-Branche (Oscar, Tony, Emmy, Grammy) gewonnen. Ikone der Frauen- und Schwulenbewegung; lange bevor sich ihr Sohn Jason als homosexuell outete. Heldin des jüdischen Amerikas und all derer, die im Heidi-Klum-Zeitalter der nachoperierten Gesichter ästhetische Abweichungen von der Norm bezaubernd finden. Eiserne Unterstützerin der Demokraten von Bill Clinton über Al Gore bis zu Hillary Clinton. Friedens- und Umweltaktivistin. Größter weiblicher Showstar auf dem Planeten. Hundertfache Millionärin. Unbeirrbar bis zum Status der „Nervensäge“, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf setzt.

Eine Stimme wie „flüssige Diamanten“

Paradebeispiel „Yentl“. 15 Jahre lang lief Streisand, damals schon ein großer Name, in Hollywood von Studio zu Studio. Unbedingt wollte sie die von Isaac B. Singer geschriebene Kurzgeschichte über ein jüdisches Mädchen, das als Junge verkleidet eine Talmud-Schule besucht, sich in einen Studenten verliebt und am Ende eine Frau heiratet, auf Film bannen.

Am Ende schrieb Barbra Streisand 1983 das Drehbuch selbst, spielte die Hauptrolle, führte Regie und war die Produzentin. „Papa, Can You Hear Me?“, das Schlusslied, das sie ihrem früh verstorbenen Vater gewidmet hat, sorgte noch Jahre später bei ihren umjubelten Konzerten für Gänsehaut.

Auf der Leinwand stellte Barbra Streisand ihre männlichen Mitstreiter regelmäßig in den Schatten. Als Fanny in „Funny Girl“ lächelte sie Omar Sharif an die Wand. Als Judy in „Is’ was, Doc?“ machte sie sich mit komödiantischer Extraklasse den hilflosen Ryan O’Neal gefügig. In „So wie wir waren“ schließlich hatte der schöne Hubbell (Robert Redford) gegen die unbeugsame Marxistin Katie Morosky keine Chance. Präsident John F. Kennedy soll bei dem Titellied geweint haben. Barack Obama, einer seiner Nachfolger, sagte, die Streisand habe eine Stimme „wie flüssige Diamanten“.

Zu gerne würde man davon wieder mehr hören. Live und in zeitlos schöner Pracht. Wie 2012, als sie vor 19 000 Menschen in ihrem Heimatkiez in Brooklyn auftrat. Aber Barbra Streisand singt nicht mehr vor großem Publikum. Jedenfalls vorläufig. So war es schon einmal. 1967 überkam sie bei einem Konzert im Central Park eine Panik. 27 Jahre lang mied sie die Bühne. Dann kam sie wieder. Hoffentlich nicht zum letzten Mal.