Heilung

Wie ein Koma-Patient wieder ins Leben zurückfand

Nach einem Unfall lag der 24-jährige Ludwig im Koma. Es gab keine Hoffnung mehr. Seine Mutter gab ihn nicht auf. Nun tanzt er wieder.

Luise Köppen und ihr Sohn in ihrem Garten. Sie hat über den Kampf um ihren Sohn Ludwig ein Buch geschrieben, „Das Erwachen des Tänzers“ (Euphelia-Verlag).

Luise Köppen und ihr Sohn in ihrem Garten. Sie hat über den Kampf um ihren Sohn Ludwig ein Buch geschrieben, „Das Erwachen des Tänzers“ (Euphelia-Verlag).

Foto: Roland Magunia

Ratzeburg.  Langsam und konzentriert steckt Ludwig Köppen die Kugel auf eine der vielen Stangen des Geschicklichkeitsspiels auf dem Tisch. Er hat es sich selbst ausgedacht, eine Variation von „Vier gewinnt“. Es dauert einen Moment, doch dann rutscht die Kugel auf die Stange. Ludwig lächelt und nimmt die nächste. Neben ihm, am Wohnzimmertisch der Familie, sitzt Mutter Luise Köppen, sichtbar stolz.

Dass der 24-Jährige ein Spiel spielen kann, das so viel Feinmotorik erfordert – dass er überhaupt laufen, sprechen und, auch das, tanzen kann – ist ein Triumph. Einer, an den kaum jemand geglaubt hatte. Denn eigentlich waren sich die Ärzte sicher, dass Ludwig nie mehr aus dem Koma aufwachen würde.

Ludwigs Auto prallte mit Lastwagen zusammen

Es ist der Aschermittwoch 2012. Ludwig, damals 19 und im ersten Jahr seiner Ausbildung zum Tanzlehrer, ist mit dem Auto auf dem Weg nach Hause. Vielleicht war er übermüdet – wie es zu dem Unfall kommt, ist bis heute unklar. Zeugen werden später sagen, dass sein Golf langsam auf die Gegenfahrbahn geriet, wo er mit einem entgegenkommenden Lastwagen zusammenprallte.

40 Minuten ist Ludwig in dem völlig verbeulten Auto eingeklemmt, bis ihn die Feuerwehr herausschneiden kann, weitere 40 Minuten kämpfen die Rettungskräfte, um ihn zu reanimieren. Ludwig überlebt. Doch der Aufprall hat ein Blutgefäß durchtrennt, das zum Kopf führt. Die linke Gehirnhälfte war 40 Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt, die Großhirnrinde auf dieser Seite ist tot.

Als die Familie Ludwig am Tag nach dem Unfall zum ersten Mal sehen kann, ist er angeschlossen an lebenserhaltende Geräte, seine Körpertemperatur auf 34 Grad gesenkt, um Gewebeschäden zu minimieren. Er sah aus, als würde er schlafen, erinnert sich Luise Köppen. Doch Ludwig ist weit davon entfernt aufzuwachen. „Ab diesem Moment“, sagt Köppen, „haben wir versucht, ihn irgendwie wieder zurückzuholen.“

Mutter ist sich sicher, sie erreicht Ludwig

Von Beginn an machen ihr die Ärzte wenig Hoffnung auf Besserung. Seine Augen sind offen, doch sein Blick geht ins Leere. Reagieren kann er nicht. Besserung, sagen die Ärzte, sei nicht zu erwarten. „Das haben wir sogar schriftlich“, sagt Luise Köppen.

Doch Köppen, Lehrerin für Biologie und Chemie, will das nicht einfach akzeptieren. Jeden Tag besucht sie ihren Sohn, auch andere Familienmitglieder und Freunde sind häufig bei Ludwig. Sie ist sicher, dass sie Ludwig erreichen kann. Eines Tages, nicht lang nach dem Unfall, trägt Köppen Chanel No. 5 auf, ein Duft, den ihr Sohn nicht ausstehen kann. Ludwig riecht das Parfüm – und reagiert.

„Er hat so mit den Kiefern geknirscht, dass ich dachte, da brechen die Zähne ab“, sagt sie. Für Luise Köppen ist klar: Er hat sich ihr mitgeteilt. Noch nicht verbal, doch ein erster Schritt dorthin. „Kein Mensch hat daran geglaubt“, erinnert sie sich.

Köppen redet mit Ludwig, singt Lieder, die er aus der Kindheit kennt, und spricht laut die Choreographien durch, die der begabte Tänzer zuletzt mit seiner Partnerin getanzt hatte. Und sie hat Erfolg: Bald bewegt Ludwig die Arme und die Beine, wenn Köppen ihn darum bittet, lacht über lustige Stellen in seinen Lieblingsliedern, die sie ihm vorspielt.

Nach einem halben Jahr beginnt das Erwachen

Ludwigs erste Erinnerung aus der Zeit „danach“ ist aus dem späten Sommer, ein halbes Jahr nach dem Unfall. Der Beginn des Erwachens. „Das Erste, woran ich mich wieder erinnern kann, ist, dass ich wütend war“, sagt er. „Ich konnte nicht laufen, ich konnte meine Hände nicht benutzen, ich konnte nicht sprechen, ich konnte nichts.“ Er versteht, was um ihn passiert, doch kann sich selbst nicht ausdrücken und auch nicht bewegen. Eine frustrierende Situation für den Tänzer, der zuvor bereits mehrere Turniere gewonnen hatte.

Doch er ist hartnäckig. „Ich habe viel geübt, jeden Tag acht bis zehn Stunden“, sagt er. „Dehnübungen, Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie, alles Mögliche.“ Im November, neun Monate nach dem Unglückstag, kann er mit Hilfe bereits einige Schritte gehen. Nach 18 Monaten kann er endgültig nach Hause.

Heute lebt Ludwig allein in Hamburg, wo er eine Ausbildung zum Assistenztanzlehrer macht. Noch sind die Spuren des Unfalls, des Komas bemerkbar: Das rechte Bein zieht der 24-Jährige leicht nach. Die Fortschritte sind langsamer als am Anfang, doch sie sind unaufhaltsam.

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