Anschlag

Angriff auf Polizisten in Paris: Auch eine Deutsche verletzt

Nach den tödlichen Schüssen eines Attentäters auf den Champs-Élysées haben französische Ermittler drei Personen in Gewahrsam genommen.

Polizisten sichern das Gebiet um den Boulevard Champs-Élysées: Nach dem tödlichen Angriff auf Polizisten mitten in Paris deutet alles auf einen Terroranschlag hin.

Polizisten sichern das Gebiet um den Boulevard Champs-Élysées: Nach dem tödlichen Angriff auf Polizisten mitten in Paris deutet alles auf einen Terroranschlag hin.

Foto: Kamil Zihnioglu / dpa

Paris.  Kurz vor der Präsidentenwahl hat ein Terrorverdächtiger mitten in Paris einen Polizisten getötet und zwei weitere Beamte verletzt. Die Polizei erschoss den Angreifer. Der Mann soll bereits wegen versuchten Mordes an Polizisten in Haft gesessen haben und als Gefährder bekannt gewesen sein. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert die Attacke für sich.

Bei dem Angriff am Donnerstagabend ist auch eine Deutsche verletzt worden. Das teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin mit. Nähere Details gab er zunächst nicht bekannt.

Polizei nahm drei Personen fest

Französische Ermittler haben drei Personen aus dem familiären Umfeld des getöteten Angreifers in Polizeigewahrsam vernommen. Das wurde der Deutschen Presse-Agentur am Freitag aus Ermittlerkreisen bestätigt. Es handele sich um das klassische Vorgehen in solchen Fällen, hieß es.

Die Bluttat belastet die Wahl an diesem Sonntag erheblich. Staatschef François Hollande hat am Freitagmorgen das französische Sicherheitskabinett versammelt. Das teilte der Élyséepalast am Freitag auf Twitter mit.

Auf Fotos war zu sehen, dass an dem Treffen unter anderem Premierminister Bernard Cazeneuve und Innenminister Matthias Fekl teilnahmen. Auch Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, Außenminister Jean-Marc Ayrault und Justizminister Jean-Jacques Urvoas saßen mit am Tisch. "Wir werden absolute Wachsamkeit zeigen, insbesondere im Hinblick auf den Wahlprozess", hatte Hollande zuvor gesagt.

Täter schoss mit automatischer Waffe auf Polizeiwagen

Der nach Medienberichten 39-jährige mutmaßliche Täter schoss am Donnerstagabend gegen 21 Uhr auf dem Prachtboulevard Champs-Élysées mit einer automatischen Waffe auf einen geparkten Mannschaftswagen der Polizei.

Der Angreifer hatte mit einem Fahrzeug neben dem Polizeiwagen gehalten, war ausgestiegen und hatte das Feuer eröffnet. Er tötete einen Polizisten, rannte anschließend über den Bürgersteig und schoss dort auf weitere Beamte, wie der Sprecher des Innenministeriums, Pierre-Henry Brandet, am Donnerstagabend mitteilte. Zwei weitere Beamte seien schwer verletzt worden. Zwischenzeitlich war von zwei toten Polizisten die Rede gewesen.

IS reklamiert Tat für sich

Der Tatort wurde danach weiträumig abgesperrt. Die kilometerlange Straße ist üblicherweise ein Touristenmagnet, dort gibt es viele Geschäfte und Hotels.

Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte am Donnerstagabend die Tat für sich. Neben der Leiche des Attentäters ist ein Schreiben gefunden worden, in dem der IS verteidigt wird. Das verlautet aus Justizkreisen. Das IS-Sprachrohr Amak benannte den Angreifer in einer im Internet verbreiteten Nachricht am Donnerstag als Abu Jussuf al-Beldschiki ("Der Belgier"). Es ist ungewöhnlich, dass sich die Miliz so schnell nach einer Tat meldet und einen Namen nennt.

Bei ähnlichen Verlautbarungen wurden die Angreifer häufig "Soldaten" der Terrormiliz genannt. Die Nachricht konnte zunächst nicht unabhängig auf ihre Echtheit überprüft werden. Sie wurde aber über die Kanäle verbreitet, über die der IS in der Vergangenheit auch ähnliche Anschläge für sich beansprucht hat – etwa nach den Attacken in Ägypten oder London .

Mutmaßlicher Angreifer war bereits verurteilt

Der Tatverdächtige ist bereits in der Vergangenheit wegen einer Attacke auf Polizisten verurteilt worden. Der Mann hatte im Jahr 2005 eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren wegen versuchten Totschlags erhalten, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Er hatte demnach in Seine-et-Marne bei Paris versucht, einen Polizisten, einen Polizeischüler und dessen Bruder zu töten. Es war zunächst unklar, wie lange der Verdächtige tatsächlich in Haft war.

Der Sprecher des Innenministeriums, Pierre-Henry Brandet, sagte, nach ersten Erkenntnissen habe es nur einen Angreifer gegeben. Man könne aber nicht ausschließen, dass es einen oder mehrere Komplizen gebe. "Das ist natürlich ein Drama für die Polizei, ein Drama für unser Land."

Behörden sprechen von Terrorismus

Hollande erklärte, einiges spreche für einen Terrorakt. "Wir sind überzeugt, dass die Spuren (...) terroristischer Art sind", sagte Hollande nach einem Krisentreffen im Élyséepalast. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen.

Auch die Polizei hatte nur wenige Stunden nach dem Angriff erklärt, sie gehe von einem "terroristischen Akt" aus. Polizisten durchsuchten noch am Abend die Wohnung des getöteten Angreifers im Umland von Paris, wie es aus Ermittlerkreisen hieß. Die Razzia fand offenbar im Verwaltungsbezirk Seine-et-Marne statt.

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete unter Berufung auf eine Quelle im Umfeld der Ermittlungen, dass es gegen den Mann bereits eine Untersuchung von Anti-Terror-Ermittlern gegeben habe: Er habe die Absicht erkennen lassen, Polizisten zu töten.

Zwischenzeitlich Kontrollen an deutsch-französischer Grenze

Auch die deutschen Behörden reagieren auf den Vorfall in Frankreich. Die Bundespolizei hat zeitweise eine Kontrollstelle an der deutsch-französischen Grenzen bei Saarbrücken errichtet. Zwölf Beamte seien dafür in der Nacht zum Freitag im Einsatz gewesen, teilte die Bundespolizei mit.

Etwa dreieinhalb Stunden hätten die Polizisten vorsorglich Autofahrer kontrolliert, die auf der Grenzautobahn A6 von Frankreich ins Saarland unterwegs waren. Eventuell flüchtige Komplizen des Angreifers hätten so gestoppt werden sollen. Die französischen Kollegen an der Grenze hätten dann vorerst Entwarnung gegeben.

Kanzlerin Merkel und US-Präsident Trump kondolieren

Kanzlerin Angela Merkel kondolierte Hollande, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter mit. Ihr Mitgefühl gelte den Opfern und ihren Familien. Auch US-Präsident Donald Trump sprach Frankreich sein Beileid aus.

"Es sieht nach einem weiteren Terroranschlag aus", sagte Trump am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni in Washington. Trump sprach weiter von einem "schrecklichen Vorfall" und fügte hinzu: "Wir müssen stark und wachsam sein." Auch Gentiloni kondolierte dem französischen Volk.

In Frankreich gilt immer noch der Ausnahmezustand

Präsident Hollande sagte in seiner Ansprache, der Polizist sei auf besonders feige Art und Weise ermordet worden. "Meine Gedanken sind bei den Verletzten. Ich empfinde tiefe Trauer für den verstorbenen Beamten. Er hat seine Pflicht bis zum Ende erfüllt." Hollande erklärte auch: "Unsere Bürger sind geschützt und werden geschützt bleiben. Der Grundsatz bleibt aber das Vertrauen in unsere Sicherheitskräfte."

Am Sonntag findet in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Die Abstimmung soll von mehr als 50.000 Polizisten und Soldaten geschützt werden. Im Land gilt nach einer beispiellosen Terrorserie mit über 230 Toten immer noch der Ausnahmezustand. Mehrere Kandidaten sagten laut Medienberichten am Freitag geplante Auftritte ab.

Terrorakt könnte Einfluss auf Wahl am Sonntag haben

Die Lage vor der für ganz Europa wichtigen Wahl ist unübersichtlich. In Umfragen liegen der sozialliberale Kandidat Emmanuel Macron und die Rechtspopulistin Marine Le Pen an der Spitze. Macron tritt für Europa ein, Le Pen will hingegen den Euro in Frankreich abschaffen.

Sie plädiert auch dafür, verurteilte ausländische Verbrecher auszuweisen. Offen ist laut politischen Beobachtern, ob die Hardlinerin von der Attacke auf die Polizisten politischen Nutzen ziehen kann. Zuletzt waren ihre Umfragewerte gesunken.

Macron sagt Wahlkampf-Kundgebung ab

Macron seine letzten Kundgebungen vor dem ersten Wahlgang abgesagt. Er habe entschieden, die für Freitag geplanten Auftritte in Rouen und Arras im Norden des Landes mit Blick auf die Situation zu streichen, teilte Macron mit. Der Wahlkampf endet offiziell in der Nacht zum Samstag.

Französische Sicherheitskräfte wurden bereits mehrfach attackiert. Im vergangenen Juni wurde ein Polizistenpaar im Umland von Paris ermordet. Vor einem Monat erschossen Soldaten am Pariser Flughafen Orly einen Mann, der sie zuvor angegriffen hatte .

Mutmaßlicher Anschlag vor der Wahl vereitelt

Die französische Polizei hatte erst am Dienstag in Marseille zwei mutmaßliche Islamisten festgenommen , in deren Wohnung ein Waffenarsenal versteckt war. Laut Ermittlern drohte ein Anschlag unmittelbar vor der Wahl. Die Sicherheitsmaßnahmen für den Wahlkampf wurden verstärkt. Am Donnerstagabend traten die elf Kandidaten beim Fernsehsender France 2 nacheinander zu Kurzinterviews auf. Die entscheidende Stichwahl ist für den 7. Mai geplant. (dpa/rtr/jha)

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