Tierfreund

Von Alphaweibchen und Männerbünden

Dr. Mario Ludwig über die außergewöhnlichen Verhaltensweisen der Berberaffen und warum die Tiere auf Gibraltar unter besonderem Schutz stehen

Ein Berberaffe vor dem Hafen von Gibraltar

Ein Berberaffe vor dem Hafen von Gibraltar

Foto: paulafrench / iStockphoto

Die in Nordafrika lebenden Berberaffen sind nicht nur die am weitesten nördlich lebenden Affen der Welt. Sie gehören auch zur einzigen Affenart, die freilebend in Europa vorkommt, nämlich in der britischen Kronkolonie Gibraltar. Die in mehr oder weniger großen Gruppen lebenden Affen verfügen außerdem über ein Sozialsystem, das im Tierreich einmalig ist: In der Gruppe herrscht das Matriarchat. Das heißt, es ist ein Weibchen, das sogenannte Alphaweibchen, das die Gruppe anführt. Die Anführerinnenposition ist übrigens erblich. Nach dem Tod des Alphaweibchens übernimmt stets die erstgeborene Tochter der Herrscherin die Macht.

In Berberaffengruppen gibt es jedoch im Gegensatz zu den meisten anderen Affenarten viele erwachsene Männchen. Bei ihnen herrscht eine strenge Hierarchie. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass ranghöhere Männchen öfters Sex mit den Weibchen haben dürfen als rangniedere. Allerdings neigen die Berberaffenmännchen dazu, Männerfreundschaften zu bilden. Auch darin unterscheiden sie sich von anderen Affenarten, bei denen die Männchen erbittert um Nahrung, Weibchen und gute Schlafplätze kämpfen. Bei den Berberaffen sitzen befreundete Männchen oft stundenlang zusammen und nehmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein.

Allerdings ist es nicht ganz einfach, in einer strengen Hierarchie Freundschaft zu schließen. Normalerweise darf sich ein niederrangiges Männchen einem hochrangigen gar nicht nähren. Um sich dennoch anzufreunden, bedienen sich die Prekariatsmännchen des "Sandwich-Tricks". Sie leihen sich einfach bei einem Weibchen ein Affenbaby aus, nähern sich mit dem Säugling im Arm einem höhergestellten Artgenossen und nehmen vorsichtig neben diesem Platz. Der hochrangige Affe kann in einem solchen Moment nicht körperlich gegen den Niederrangigen vorgehen. Es bestünde ja die Gefahr, das Affenbaby zu verletzten. Und damit würde er, als kinderfeindlicher Unhold abgestempelt, seine Chancen bei den Weibchen ein für alle Mal verspielen.

Eine neue Freundschaft entsteht

Also setzen sich beide gegenüber, das Affenbaby zwischen sich, und widmen sich diesem gemeinsam. Sie streicheln es, lausen es, füttern es sogar ab und an. Auf diese Weise, mit dem Baby als Puffer, entsteht eine neue Freundschaft. Mit Vorteilen für beide: Das rangniedrige Männchen erhöht durch seinen neuen Kumpel sein Ansehen in der Gruppe und steigt möglicherweise in der Hierarchie nach oben. Und der Ranghöhere hat einen neuen Bündnispartner, mit dem er zusätzliche Stärke gewinnt. Untersuchungen zeigen, dass sich Männerfreundschaften auch positiv auf Psyche und Gesundheit auswirken. Berberaffenmänner, die Freundschaften pflegen, reagieren auf Stresssituationen entspannter als Einzelgänger.

Im Gegensatz zu ihren nordafrikanischen Vettern, die mittlerweile vom Aussterben bedroht sind, geht es den rund 200 Berberaffen auf dem sogenannten Affenfelsen von Gibraltar gut. Das hat einen Grund: Es existiert nämlich eine Legende, dass die strategisch äußerst wichtige Kronkolonie für Großbritannien in dem Augenblick unwiderruflich verloren geht, wenn es auf dem berühmten Felsen von Gibraltar keine Berberaffen mehr gibt.

Auch angesehene Politiker scheinen diese Legende ernst zu nehmen. So ließ der englische Premierminister Winston Churchill, als 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg die Affenpopulation Gibraltars auf mickrige sieben Exemplare zusammengeschrumpft war, sofort einige Affen aus dem nahen Marokko importieren. Bis ins Jahr 1999 waren die Primaten dem Londoner Verteidigungsministerium unterstellt. Ein eigens abgestellter "Affenoffizier" kümmerte sich um das Wohlergehen der Tiere. Heute werden die Affen von Zivilisten betreut: von Mitgliedern der "Gibraltar Ornithological and Natural History Society".

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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