Breakdance

Vom Flüchtling zum Boss der Erfolgs-Crew „Flying Steps“

| Lesedauer: 6 Minuten
„Flying Steps“-Gründer Vartan Bassil in seiner Tanzschule.

„Flying Steps“-Gründer Vartan Bassil in seiner Tanzschule.

Foto: Reto Klar

Vartan Bassil ist der Gründer der Breakdance-Gruppe „Flying Steps“. Ein Interview über seinen Aufstieg vom Flüchtling zum Unternehmer.

Berlin.  Eine ehemalige Lagerhalle in Berlin-Kreuzberg, das ist sein Arbeitsplatz. Hier liegt die Flying Steps Academy, ein Tanzstudio. Der Weg dorthin führt über einen Hinterhof und eine Feuertreppe. Passt irgendwie zu Breakdance, dem Tanzstil, der hier vorherrscht.

Die Flying Steps haben sich in den vergangenen Jahren zu Deutschlands bekanntester Breakdance-Crew gemausert. Eine gute Gelegenheit für Antje Hildebrandt, um mit Gründer Vartan Bassil (41) zu sprechen, der heute kreativer Direktor der Truppe ist. Ein Gespräch über Hip-Hop, Migration und Deutschsein.

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Herr Bassil, Sie sind 41 und nennen sich als Breakdancer immer noch B-Boy. Wie erklären Sie Leuten, die Sie nicht kennen, ihren Beruf?

Vartan Bassil: Früher war das schwer. Noch vor einigen Jahren wurde ich beim Elternabend meiner ältesten Tochter ungläubig angestarrt, als ich das gesagt habe. Ein Vater fragte: „Hä, davon kann man leben?“

Und heute?

Bassil: Ist das zum Glück anders. Die Flying Steps sind eine Marke geworden.

Ihr Start ins Leben war nicht einfach. Sie waren sieben, als Sie mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet sind. Welche Erinnerungen haben Sie an den Krieg?

Bassil: Unsere Eltern sind mit uns in den Luftschutzkeller gegangen, wenn die Sirenen angingen. Wenn wir morgens herauskamen, lagen Häuser in Trümmern. Ich habe erst viel später verstanden, was da eigentlich passiert ist.

Ihre Familie wurde anfangs nur geduldet. Kein leichter Start, oder?

Bassil: Nein, in der ersten Zeit haben wir noch in einem Berliner Flüchtlingsheim gewohnt. Es gab kein Geld, sondern Essensmarken. Meine Eltern haben sich so schnell wie möglich Arbeit gesucht, um da rauszukommen. Mein Vater hat als Koch gearbeitet, meine Mutter als Putzfrau. Aber sie haben sich nie beklagt. Es war besser als im Libanon.

Wie sind Sie damals in der Schule mitgekommen?

Bassil: Es war schwierig, in Mathe und Sport hatte ich „Einsen“, aber mit der Sprache hatte ich Probleme. So bin ich auch zum Tanzen gekommen. Das lag mir, damit konnte ich Aufmerksamkeit auf mich ziehen.

Wie sind Sie zum Breakdance gekommen?

Bassil: Das lag an Michael Jackson. Mich hat fasziniert, wie er Musik in Bewegungen umgesetzt hat. Ich habe im Wohnzimmer vor dem Spiegel den Moonwalk geübt. Ich dachte, vielleicht sind seine Moves nur ein Filmtrick. Bei einer Party habe ich im Jahr 1990 die City Rocker kennengelernt. Das waren Jungs, die zu Hip-Hop getanzt haben. Und da habe ich gesehen: Die Moves gibt es wirklich. Woooow! Von dem Tag an habe ich nur noch Breakdance gemacht.

War Breakdance nicht auch eine Form von Rebellion?

Bassil: Ja, gegenüber meinen Eltern. Die wollten, dass ich eine Lehre mache. Die haben gesagt: „Wir sind doch nicht vor dem Krieg geflüchtet, damit du Breakdancer wirst.“

Die Flying Steps sind viermal Weltmeister geworden. Gab es kein Geld?

Bassil: Nöö, nur Fame – und alle zwei Monate mal einen bezahlten Werbeauftritt. 2007 kamen wir dann auf die Idee mit der Tanzschule. Ich glaube, dieses Selbstständige habe ich von meinen Eltern. Die haben ja auch alles gemacht, um aus der Sozialhilfe herauszukommen. Den deutschen Pass hatte ich sogar noch vor ihnen.

Wie kam das?

Bassil: Um zu Wettkämpfen ins Ausland zu reisen, brauchte ich einen deutschen Pass. Schon als Schüler bin ich deshalb zum Amt gegangen und habe gesagt: „Ey, ich will Deutscher werden, was muss ich dafür tun?“ Meine Lehrerin hat mir geholfen. Ich war stolz wie Bolle, als ich den Pass in der Hand hatte.

Was bedeutet es, Deutscher zu sein?

Bassil: Ich komm zwar immer noch zu spät, bin aber sehr korrekt in meiner Arbeit, fast schon penibel. Außerdem bin ich total offen.

Erkennen Sie sich in den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen wieder?

Bassil: Im Vergleich zu denen habe ich noch Glück gehabt. Wir konnten 1982 ins Flugzeug steigen, um zu fliehen. Heute kommen die Flüchtlinge übers Meer, viele ertrinken. Es ist der Horror.

Ihre Kinder sind drei, vier und 16 Jahre alt. Haben sie es leichter, als Sie es früher hatten?

Bassil: Ja, klar. Um die mache ich mir gar keine Sorgen. Nur der Rechtsruck bereitet mir Angst.

Aber als Unternehmer können Sie inzwischen ruhig schlafen.

Bassil: Na ja, ich beschäftige zeitweise bis zu 50 Mitarbeiter. Das ist eine Menge Verantwortung. Aber ich habe gelernt, mit Stress und Leistungsdruck umzugehen.

Bei den Flying Steps sind Sie inzwischen der kreative Direktor. Sie tanzen nicht mehr. Wann haben Sie damit aufgehört?

Bassil: Mit 38 war Schluss. Außer einem Meniskusriss hatte ich zwar nie Verletzungen. Ich habe aber gemerkt, dass ich doppelt so viel wie die Jungs trainieren muss. Einen Bandscheibenvorfall habe ich erst bekommen, als ich den ganzen Tag saß.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn die Bilder der schönsten Momente Ihrer Karriere an Ihnen vorbeiziehen?

Bassil: Es war immer mein Traum, vom Tanzen zu leben und damit um die ganze Welt zu reisen. Aber ich kann es immer noch selber kaum glauben, dass wir das wirklich geschafft haben.

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