Chemtrail-Theorie

Nun ist es offiziell – Kondensstreifen gelten als Wolken

Die Welt-Meteorologenvereinigung hat ihren Wolken-Katalog erweitert. Chemtrail-Gläubige empören sich, Wolken-Fans feiern einen Erfolg.

Wolken am Himmel durch Flugzeuge: Meteorologen sehen das nun so.

Wolken am Himmel durch Flugzeuge: Meteorologen sehen das nun so.

Foto: © Toby Melville / Reuters / REUTERS

New York/Berlin.  Die am Himmel zu sehenden Kondensstreifen von Flugzeugen sind jetzt offiziell als Wolkenform definiert: Nach 30 Jahren hat die Weltvereinigung der Meteorologen (WMO) eine neue Ausgabe ihres "Wolkenatlas" herausgegeben. Zwölf Wolkenerscheinungen sind neu aufgenommen – darunter eben jene Streifen, die Jets am Himmel hinterlassen.

Der Wolkenatlas ist für Meteorologen weltweit das Instrument, um die zehn Grundtypen von Wolken und ihre Varianten eindeutig und einheitlich bezeichnen zu können. Das geschieht durch eine zusätzliche Unterteilung mit zusätzlichen Kriterien. Die erste Atlas-Ausgabe stammt aus dem Jahr 1896. Nun ist das Werk erweitert und erstmals online einsehbar. Im Standardwerk der Wetterkundler findet sich demnach auch "Cirrus homogenitus" – mindestens zehn Minuten lang zu beobachtende Wolkenstreifen, die durch Flugzeuge verursacht werden.

Für Chemtrail-Gläubige Teil der Verschwörung

Menschen, die an Chemtrails glauben, also das gezielte (und verheimlichte) Versprühen von Chemie bei Flügen, sehen darin einen weiteren Baustein der ihrer Verschwörungstheorie. Der Berliner Jörg Lorenz, der die Theorien in seinem Buch "Das Chemtrail-Handbuch" entzauberte, hat beobachtet: "In der Szene wird die Aufnahme in den Wolkenatlas als Beleg gesehen, dass die Menschen nun noch mehr indoktriniert werden sollen."

Nach Überzeugung vieler Chemtrails-Theoretiker ist die Definition ein weiterer Schritt dazu, dass Kinder schon damit aufwachsen sollen, die Streifen als völlig selbstverständlich hinzunehmen. "Die Entscheidung steigert die Wut unter den Chemtrail-Gläubigen enorm", so Lorenz.

Auch Wolken durch Kühltürme aufgenommen

In diesen Kreisen wird behauptet, die "Chemtrails" seien gegenüber "normalen Kondensstreifen" langlebiger und breiteten sich zudem flächiger aus. Was genau angeblich versprüht wird, ist auch unter den Verschwörern umstritten. Ihre Behauptungen sind jedenfalls noch nie bewiesen, aber vielfach widerlegt worden. Die starke Zunahme des Flugverkehrs hat dazu geführt, dass entsprechende Streifen bei entsprechend kalter, feuchter Luft auf Flughöhe häufiger zu beobachten sind.

Die WMO hat auch entschieden, dass Kondensstreifen unter dem Namen "Homomutatus" genauer unterteilt werden können, wenn sie sich länger halten. Daneben haben es auch weitere durch Menschen gemachte Wolken in den neuen Atlas geschafft: Auch die durch Kühltürme verursachten Haufenwolken sind aufgenommen – als Cumulus mediocris homogenitus. Selbst Schiffe können dem Atlas zufolge Wolken auslösen.

Wolken, die wie Wellen aussehen

Als erste eigene neue Unterart ist auch eine dramatisch aussehende Wolkenformation aufgenommen worden: Asperitas-Wolken, die wie Wellen am Himmel ziehen. Ein selten zu beobachtendes Phänomen – das ebenfalls die Verschwörungstheoretiker beflügelt, so Lorenz: "Da meinen manche, das würde durch HAARP-Experimente verursacht." HAARP ist ein heute rein ziviles, früher geheimnisumwittertes US-Forschungsprojekt in Alaska, um mit Radiowellen die obere Atmosphäre zu untersuchen. Wissenschaftler hatten auch Polarlichter künstlich erzeugen können. Es gibt jedoch keinerlei Anhaltspunkte, Menschen könnten solche Wolken verursacht haben.

Für die Aufnahme dieses Phänomens haben Wolkenfans gekämpft, die sich in der "Cloud Appreciation Society" organisiert haben. Mitstreiter beschrieben diese Wolken vor zehn Jahren erstmals als eigenständiges Phänomen und sammelten Belege, die die wogenden Wolken zeigen. Mit der Sammlung haben sie die Welt-Meteorologenvereinigung überzeugen können. Nach der rauen (lateinisch: asperitas) Wolkenunterkante hat das Phänomen seinen Namen.

Inzwischen wird alles dokumentiert

Die Meteorologen können die Wolken immer feiner unterteilen, weil heute überall in der Welt Menschen mit Smartphones unterwegs sind und jede ungewöhnliche Formation sofort vielfach im Bild festgehalten wird. So ist nun auch das Phänomen des Wolkenlochs ("Fallstreak Hole") gut dokumentiert, das vermutlich durch schnell herabfallende Eiskristalle in einem Teil einer Wolke entsteht.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.