Verkehrssicherheit

Fahrschüler mogeln sich mit Hightech durch die Prüfung

Immer mehr Fahrschüler versuchen, bei der theoretischen Führerscheinprüfung zu mogeln. Nicht selten kommt dabei Hightech zum Einsatz.

Frank Widmann vom TÜV in Stuttgart mit einem Führerscheinprüfcomputer. Immer mehr Prüflinge versuchen, sich ihre Prüfung mit Kamera und Knopf im Ohr zu erschleichen.

Frank Widmann vom TÜV in Stuttgart mit einem Führerscheinprüfcomputer. Immer mehr Prüflinge versuchen, sich ihre Prüfung mit Kamera und Knopf im Ohr zu erschleichen.

Foto: imago stock&people

Berlin.  Die Ausrüstung der jungen Frau hätte James Bond zur Ehre gereicht. Im Knopfloch eine Minikamera, ein Kopfhörer so tief in ihrem Ohr, dass ein HNO-Arzt das Teil entfernen musste. Kaum zu sehen, die Technik.

Doch als die nervöse 22-jährige Kosovarin ihre theoretische Führerscheinprüfung im sauerländischen Menden ablegen wollte, wurde der Prüfer misstrauisch und rief die Polizei. Bei der Leibesvisitation merkten die Beamten, dass die Frau komplett verkabelt war. So wollte sie sich durch die Prüfung mogeln.

Rund 1600 Manipulationsversuche im Jahr fliegen auf

Dass Prüfer und Polizei in Menden dieser dreisten Masche auf die Schliche kamen, war eine Ausnahme – viele Betrüger werden gar nicht erwischt. Ein wachsendes Problem: Auf deutschen Straßen sind mehr und mehr Autofahrer unterwegs, die von Verkehrsregeln keine Ahnung haben.

Denn in der theoretischen Führerscheinprüfung versuchen nicht wenige, die Prüfer mithilfe von Spionagetechnik auszutricksen. Nach Angaben des Tüv Rheinland fliegen deutschlandweit etwa 1600 Manipulationsversuche im Jahr auf, die meisten Trickser nutzen Hightech. Die Dunkelziffer derer, die damit durchkommen, ist mutmaßlich hoch. Die aufgedeckten Fälle seien nur die Spitze des Eisbergs, befürchtet der Fahrlehrerverband Westfalen.

Banden liefern die Technik fürs Mogeln

Hinter der Masche stehen in vielen Fällen organisierte Banden, die mit dem Führerscheinbetrug ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt haben. Sie agieren bundesweit, bieten verunsicherten Kandidaten ihre Hilfe an – die Kosten liegen laut Polizeibehörden zwischen 500 und 1500 Euro.

Häufig läuft das so: Die Banden statten ihre Kunden mit der nötigen Technik aus. Die Kamera verstecken sie an Bluse, Brille oder Armbanduhr, einen Kopfhörer tief im Ohr. So betreten die Führerscheinanwärter den Prüfungsraum. Mit der Kamera filmen sie die Fragen auf dem Computerbildschirm ab, über den Sender werden die Bilder nach draußen übertragen.

„Der Prüfling fährt dann mit der Maus ganz langsam über die Antwortmöglichkeiten. Ist er bei der richtigen angekommen, bekommt er ein Zeichen von seinem Komplizen und klickt die richtige Antwort an“, erklärt Führerschein-Experte Arne Böhne vom Tüv Rheinland. „Der Komplize sitzt in einem Auto vor dem Gebäude oder auf einem Parkplatz.“

Tüv berichtet von mafiösen Strukturen

Viele der Kunden sind zuvor mehrfach an der Theorieprüfung gescheitert. Der Tüv berichtet von mafiösen Strukturen. „Die Banden sprechen nach Prüfungen gezielt Kandidaten an, die durchgefallen sind“, so Böhne.

Auch im Internet bieten sie ihre Dienste an. Ein großer Anbieter von Spionageausrüstung wirbt auf seiner Internetseite offensiv um Prüflinge. Die in Essen ansässigen Betreiber behaupten, als ehemalige Studenten die besten Schummeltricks zu kennen. Für einen drahtlosen Kopfhörer werben sie: „Er ist so klein, dass er im Ohr mit bloßem Auge nicht mehr zu sehen ist. Er lässt sich ganz tief in den Gehörgang platzieren und ist somit absolut unsichtbar für Außenstehende.“

Führerscheinbetrug gilt nicht als Straftat

Die illegalen Helfer gehen kaum ein Risiko ein. Denn selbst wenn die Masche auffliegt – die Polizei ist machtlos. „Es ist wie Schummeln in der Schule: Es hat kaum Konsequenzen“, beklagt Arne Böhne.

Eine Straftat ist Führerscheinbetrug nicht, da kein wirtschaftlicher Nachteil entsteht. Auch die Prüflinge haben strafrechtlich nichts zu befürchten. Auf sie kommt lediglich eine mehrmonatige Zwangspause zu, bis sie erneut zur Theorieprüfung zugelassen werden.

Der Tüv fordert daher, dass Tricksereien in der Führerscheinprüfung ein Straftatbestand werden müssen – ähnlich wie Tachobetrug. Böhne: „Wenn Führerscheinabsolventen Verkehrsregeln nicht kennen, ist es eine Frage der Zeit, bis etwas Schlimmes passiert.“

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