Tierfreund

Von der Entstehung des Pizzlybären

Dr. Mario Ludwig über eine neue Tierart, die aus der Paarung von Grizzlybär und Eisbär hervorgegangen ist, und ihre Überlebenschancen in der Arktis

Die Hybridbären Tips (hell) und ihr Bruder Taps leben  im Zoo Osnabrück

Die Hybridbären Tips (hell) und ihr Bruder Taps leben im Zoo Osnabrück

Foto: dpa Picture-Alliance / Friso Gentsch / picture alliance / dpa

Wissen Sie, was ein Pizzlybär ist? Oder ein Greisbär oder gar ein Grolarbär? Das alles sind Bezeichnungen für ein und dieselbe neue Tierart, die vor wenigen Jahren erstmals in der kanadischen Arktis aufgetaucht ist. Beim Pizzlybär handelt es sich nicht um eine "normale" Tierart, sondern um einen Mischling, einen sogenannten Hybriden – ein Tier, das aus der Paarung von zwei unterschiedlichen Arten entstanden ist. Und zwar - der Name verrät es schon – Grizzlybär und Eisbär.

Aus der Ferne betrachtet, sehen Pizzlies eher wie Eisbären aus. Nimmt man einen Pizzly jedoch genauer unter die Lupe, stellt man fest, dass er etwas von beiden Bärenarten hat. Sehr eindrücklich kann man das bei Tips und Taps beobachten, zwei Pizzlies, die im Januar 2004 als Ergebnis einer Liaison zwischen Eisbärenmännchen Elvis und Braunbärenweibchen Susi im Zoo Osnabrück geboren wurden. Das Fell von Susi und Elvis ist nicht weiß wie bei Eisbären oder dunkelbraun wie bei Grizzlies, sondern eher karamellfarben. Die Pfoten dagegen sind sehr dunkel. Fast scheint es, als würde der Pizzly Socken tragen. Der Schädel ist deutlich massiger als der der Eisbären, die Schnauze wirkt schmutzig und auf dem Rücken tragen Pizzlies einen Höcker, den man sonst nur bei Braunbären findet.

Die "Gemischtbärenhaltung" (Eisbären und Grizzlies in einem Gehege) wurde übrigens in Osnabrück aufgegeben, da die Zooleitung die Entstehung weiterer Pizzlies verhindern wollte. In der freien Natur hat man bisher gerade mal fünf Pizzlies entdeckt, alle auf kanadischen Inseln nördlich des Polarkreises. Experten vermuten jedoch, dass die "Dunkelziffer" weitaus höher ist.

Eine Folge des Klimawandels

Die Entstehung der Eisbär-Grizzly-Hybriden ist sehr wahrscheinlich der Klimaerwärmung zu verdanken. Normalerweise begegnen sich Eisbären und Grizzlybären in der freien Natur nämlich äußerst selten. So paaren sich Eisbären üblicherweise auf dem Eis, während Braunbären den Akt auf dem Festland erledigen. Durch das schmelzende Eis der Arktis sind Grizzly und Eisbär jetzt aber näher zusammengerückt. Das Schmelzen des Packeises treibt die Eisbären immer häufiger aufs Festland. Bergbau und Straßenarbeiten dagegen lässt die Grizzlys wiederum aufs Packeis wandern.

Normalerweise sind die meisten Hybriden wie beispielsweise das Maultier oder der Maulesel steril. Sie können also keine Nachkommen zeugen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen, d.h. Nachkommen der ersten Generation, die zur Fortpflanzung fähig sind und somit in den Evolutionsprozess eingreifen können. Und genau das scheint bei den Pizzlies der Fall zu sein. 2010 hat man nämlich auf Viktoria Island einen Pizzly geschossen, bei dem nach einer DNA-Analyse feststand, dass es sich um einen Pizzly der zweiten Generation handelte. Der Vater war ein Grizzly, die Mutter ein Hybridbär gewesen. Allerdings werden die Chancen der Pizzlys, in der Arktis dauerhaft zu überleben, von der Wissenschaft als eher schlecht eingestuft. So ist ein Eisbär ein guter Schwimmer, was ihm bei seiner Jagd auf Robben zugute kommt. Der Grizzly dagegen kann aufgrund seines Körperbaus nur schlecht schwimmen. Hybriden schwimmen nicht so gut wie ein echter Eisbär und auch ihre langen Krallen sind für das Leben auf dem Eis nicht sonderlich gut geeignet. Andererseits findet sich ein Hybrid auch auf dem Festland nicht so gut zurecht wie ein Grizzly. Was bedeutet, dass die Pizzlybären womöglich schlechter für das Leben in der Arktis gerüstet sind als jede der beiden Ursprungsarten.

Und dann existiert da noch ein weiteres Problem: Im Gegensatz zu den Eisbären, die wenigstens in einigen Teilen der Welt geschützt sind bzw. strengen Abschussquoten unterliegen, genießen Pizzlies als Hybriden diesen Schutz nicht. Und natürlich stellt gerade so ein seltener Hybride für einen Trophäenjäger eine große Verlockung dar.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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