Essen/Faial

Ein Fisch führte die Taucher zu „U-581“„Dieses Wrack ist voller Leben“Ein Fisch führte die Taucher zu „U-581“Ein Fisch führte die Taucher zu „U-581“

| Lesedauer: 4 Minuten
Zlatan Alihodzic

Kölner Ehepaar fand das Wrack in 870 Meter Tiefe vor einer Azoren-Insel. Die Sichtkuppel ihres U-Bootes wurde vom Essener Konzern Evonik entwickelt Kölner Ehepaar fand das Wrack in 870 Meter Tiefe vor einer Azoren-Insel. Die Sichtkuppel ihres U-Bootes wurde vom Essener Konzern Evonik entwickelt Kölner Ehepaar fand das Wrack in 870 Meter Tiefe vor einer Azoren-Insel. Die Sichtkuppel ihres U-Bootes wurde vom Essener Konzern Evonik entwickelt Deutsches Ehepaar findet vor den Azoren ein vor 75 Jahren versenktes U-Boot in 870 Meter Tiefe

Essen/Faial. 870 Meter unter der Wasseroberfläche herrscht auch im wildesten Ozean der Erde völlige Ruhe. Der Fisch sieht die Flosse vor Augen nicht, und auf ihm lastet ein Druck fast 100-mal größer als auf einem Menschen an Land. Hinter dem Fisch, mitten im Atlantik, gleiten Kirsten (46) und Joachim Jakobsen (60) in ihrem Tiefseetauchboot durch die Stille. Auf einmal sehen sie, dass auf ihrem Sonar etwas aufleuchtet. Und kurz danach erscheint im Lichtkegel ihrer Scheinwerfer ein Koloss: das vor 75 Jahren im Zweiten Weltkrieg versenkte deutsche U-Boot „U-581“.

Seit 15 Jahren lebt das Ehepaar Jakobsen – er kommt aus Köln, sie aus Schleswig-Holstein – auf den Azoren. So oft es geht, tauchen sie ab in ihrer „Lula 1000“. „Wir haben gezielt nach ‚U-581‘ gesucht“, sagt Kirsten Jakobsen. „Ein wissenschaftliches Projekt über das Wachstum von Tiefwasserkorallen hat normalerweise drei Jahre Zeit. Dank des U-Boots können wir aber sehen, was innerhalb von 75 Jahren wächst.“ Es sei ein „hervorragendes Experiment für Kaltwasserkorallen“.

Im Frühjahr 2016 begannen die Jakobsens mit ihrer von der Stiftung Rebikoff-Niggeler finanzierten Suche nach „U-581“, nachdem die portugiesischen Behörden die nötige Genehmigung erteilt hatten. Mit einem 17 Meter langen Katamaran stach das Ehepaar in See, fertigte von dem Gebiet, in dem das U-Boot vermutet wurde, eine dreidimensionale Karte des Meeresbodens. Danach warfen sie ein Schleppsonar ins Wasser, das knapp über dem Grund „hochauflösende akustische Bilder wie ein Video“ aufzeichnete. „Aber wir fanden nichts in unserem Suchgebiet“, sagt Kirsten Jakobsen. „Also mussten wir in andere Bereiche, wo das Relief sehr ungleichmäßig ist: Unterwassergebirge, Steilhänge.“ Da half das Schleppsonar nicht weiter, „das konnten wir nur mit Lula machen“.

40 Minuten lang sanken die Jakobsens mit dem Tauchboot in die Tiefe, bis sie aus der Sichtkuppel auf den Meeresboden blicken konnten. 14 Zentimeter dickes Plexiglas – entwickelt von Spezialisten des Evonik-Konzerns – hält an dieser Stelle des Bootes die Wassermassen zurück. „Von da an mussten wir praktisch auf Sicht suchen“, erzählt Kirsten Jakobsen.

Hunderte Fotos sind für die Dokumentation zu sichten

„Erst haben wir noch zwei Fische gefilmt. Einer ist in tieferes Wasser getaucht und wir sind ihm gefolgt.“ Dann sei auf dem Sonar ein zigarrenförmiges Objekt erschienen. „Da denkt man: Das könnte es sein. Aber man glaubt nicht daran. Bis man es erkennt. Das ist unglaublich toll“, schildert Jakobsen. „Das war ein sehr emotionaler Moment, es ist uns sehr nahegegangen.“

Ein bisschen gruselig, sagt sie, sei es immer, wenn man tief im Meer ein Wrack, einen „leblosen Stahlkörper“ findet. „Wir wussten aber, dass niemand mit dem U-Boot unterging. Es ist kein Grab. Und wir haben schnell erkannt, dass dieses Wrack voller Leben ist. Das war ein starker Eindruck.“

Das Schicksal des vor 75 Jahren versenkten „U-581“ ist gut dokumentiert: Als es in der Nacht zum 2. Februar 1942 einen britischen Truppentransporter vor den Azoren versenken sollte, wurde es von der Wasserbombe eines Zerstörers getroffen. Der deutsche Kommandant gab den Befehl zum Auftauchen, ließ die Ventile öffnen und das U-Boot sinken. Vier Besatzungsmitglieder starben, 42 überlebten. Nur über die Untergangsstelle herrschte lange Unklarheit.

Für die beiden Naturfilmer war der Fund der Beginn eines Projekts: Jetzt arbeiten sie an einer umfangreichen Dokumentation und wollen ein dreidimensionales Fotomosaik von „U-581“ und dem Leben drum herum erstellen. Dafür benötigen sie Hunderte, vielleicht Tausende Fotos. „Das ist reichlich Arbeit“, sagt Kirsten Jakobsen. Wo die beiden danach abtauchen wollen, wissen sie noch nicht. „Wir sind immer auf der Suche nach Tieren, die noch nie lebend dokumentiert wurden. Einen Riesenkalmar vor die Kamera bekommen, das wäre was.“ Vielleicht begegnen die Jakobsens ja wieder einem kleinen Fisch, der ihnen den Weg weist.