Straßenverkehr

Gefährliche Eisplatten: Warum Lkw-Fahrer nichts dagegen tun

| Lesedauer: 12 Minuten
Lars Wienand
In diesem Auto ist einem 52-Jährigen Münchner die Nase zerschmettert worden, er erlitt zudem einen Schädelbruch. Das Eis-Geschoss war in Tirol von einem entgegenkommenden deutschen Lkw auf das Auto der Familie gekracht, die auf dem Weg in den Skiurlaub war.

In diesem Auto ist einem 52-Jährigen Münchner die Nase zerschmettert worden, er erlitt zudem einen Schädelbruch. Das Eis-Geschoss war in Tirol von einem entgegenkommenden deutschen Lkw auf das Auto der Familie gekracht, die auf dem Weg in den Skiurlaub war.

Foto: Martin Haselsberger/einsatzfoto.at

Täglich gibt es derzeit Unfälle, weil Eisplatten in den Verkehr krachen. Der Staat und viele Speditionen lassen die Lkw-Fahrer alleine.

Berlin.  Es ist eine Horrorvorstellung für Autofahrer, und jeden Tag muss sie derzeit jemand erleben: Von fahrenden Lkw stürzen große Eisplatten herunter, krachen auf dahinter fahrende Autos. Die Gefahr ist groß. Im Winter kommt es im durchregulierten Deutschland zu einer absurden Situation: Verkehrsteilnehmer können sich massenhaft nicht an die Straßenverkehrsordnung halten. Handlungsbedarf sieht das Bundesverkehrsministerium nicht.

„Es gibt einen Widerspruch zwischen den Pflichten nach der Straßenverkehrsordnung und der Möglichkeit, sie umzusetzen“, sagt der Mann, der beide Seiten vermutlich besser kennt als sonst irgendwer: Martin Hottinger fuhr früher selbst Lkw, leitet von seinem Büro bei der Autobahnpolizei Bautzen aus den Zentralen Verkehrsunfalldienst der dortigen Polizeidirektion. Er organisiert nicht nur Fernfahrerstammtische, er führt auch die bundesweite Liste von Räumstationen für Lkw. 50 Anlaufstationen sind darin aufgeführt, „ich wünschte mir 500“.

Wie groß ist die Gefahr?

Durch Flugeis hat es schon Tote gegeben. Nicht nur, dass die kiloschweren Brocken wie von Brücken geworfene Steine wirken können. Sie führen immer wieder auch zu Ausweichmanövern, die schwere Unfälle auslösen. Das schlimmste Unglück dieser Art in den vergangenen Jahren führte im Dezember 2009 zu einer Karambolage von neun Autos: Auf der A9 bei Ingolstadt starb ein 34-Jähriger, fünf andere Autofahrer wurden verletzt. Auf diesem Autobahnabschnitt registrierte die Polizei Ende November 2015 innerhalb von vier Stunden vier Unfälle durch herabstürzende Eisplatten.

Wie oft kommt es zu Unfällen?

Es gibt keine bundesweiten Zahlen, wie auch Hottinger bedauert. Das Bundesverkehrsministerium kann keine Angaben machen, welches Ausmaß die Flugeis-Unfälle haben. Einen Anhaltspunkt gibt eine Auswertung des Regierungspräsidiums Stuttgart aus dem Jahr 2010. Demnach wurde fast jeder fünfte Unfall mit Beteiligung von Lkw im Winter durch herabfallende Eisplatten ausgelöst. Auf rund 400 Autobahnkilometern waren es 67 Unfälle in den vier Monaten von Dezember 2009 bis März 2010 . Elf davon waren so schwer, dass Fahrzeuge danach nicht mehr fahrbereit waren – hochgerechnet ein Fahrzeug pro Woche. Deutschlandweit gibt es fast 13.000 Autobahnkilometer. Und auch auf Bundes- und Landstraßen gibt es deshalb Unfälle.

Wieso räumen Fahrer die Lkw nicht von Eisplatten?

Weil sie es oft nicht können. Wenn auf der Ladefläche Platz ist, lassen sich die Planen oft von unten mit Stangen oder Besenstielen von Schnee und Eis befreien. Aufs Dach zu klettern oder eine Leiter zum Räumen anzustellen ist für viele Lkw-Fahrer keine Option. „Es ist höllisch gefährlich“, sagt Polizist Hottinger. „Wenn jemand selbst klettert, wird es kritisch.“ Die Berufsgenossenschaft zahlt in vielen Fällen nicht, wenn dann etwas passiert. Nur wenige Fahrer nehmen das Risiko auf sich. Anfang vergangener Woche hat die Polizei im pfälzischen Autohof Ramstein an der A6 Lkw kontrolliert: 20 Fahrer wollten mit Eis auf dem Dach losfahren. Die Polizei ließ sie erst fahren, als das Eis entfernt war.

Wieso tut sich nichts?

Es gibt keinen großen Druck, etwas zu tun. Aus dem Bundesverkehrsministerium heißt es, eine Lösung des Problems könne nur aus der Praxis heraus entwickelt werden. Und Adolf Zobel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Güterverkehr (BGL) erklärt: „Um diesem Problem zu begegnen, veröffentlicht der BGL bereits seit vielen Jahren eine Liste mit öffentlich zugänglichen Schneeräumgerüsten in ganz Deutschland.“ Es ist die Liste, die Hottinger erstellt. Der Großteil der Fahrer wünscht sich, dass mehr getan wird – und auch der BGL räumt ein: „Grundsätzlich wäre es natürlich zu begrüßen, wenn der Gesetzgeber dafür Sorge trüge, dass die von ihm erlassenen Vorschriften auch eingehalten werden können.“

Wo können Lkw geräumt werden?

Bei Speditionen gibt es oft Gerüste oder begehbare Container, aber in der Regel nur für eigene Lkw. Die sächsische Spedition Reinert Logistic ist mit sechs öffentlich zugänglichen Stationen im Bundesgebiet Vorbild. Noch bis vor einigen Jahren hatte auch die Deutsche Bahn mit etlichen Standorten das Angebot gemacht. Dann waren einige doch nicht zugänglich, „und ich habe keinen richtigen Ansprechpartner bei der Bahn“, berichtet Hottinger. Hottinger pflegt die Liste von öffentlich zugänglichen Räumstationen. Sechs gibt es in Niedersachsen, vier in NRW, fünf in Bayern. „Es gibt aber bestimmt noch welche, von denen ich nicht weiß.“ Er bittet um Hinweise per Mail.

Ist Polizist Hottinger auch selbst schon mit Eisplatten gefahren?

Er sprang in den 80er- und 90er-Jahren ab und an für seinen Schwiegervater als Fahrer ein. „Aber ich bin nie in die knifflige Situation gekommen, im Winter mit einem Planenfahrzeug unterwegs zu sein.“ Er fuhr wenig Fernverkehr, dafür Kipper und Sattelschlepper. „Ich bin schon als Kind mit meinem Fahrer mitgefahren, der Fernfahrer war. Ich bin heute froh, nicht mein Geld so verdienen zu müssen.“ Er fährt aber etwa für Hilfstransporte weiter Lkw.

Was tun die Lkw-Fahrer ohne Gerüst?

„Viele hämmern dann noch mal über den Platz, machen dann eine Vollbremsung, damit das Eis abfällt“, sagt Hottinger. Er hat schon mal 10 Kilogramm bei einer bereits zertrümmerten Platte gewogen. „Bevor ein Lkw-Fahrer gar nichts macht, macht er das.“ Es sei „völlig weltfremd“, dass ein Fahrer wegen Eis auf dem Dach beim Unternehmen anrufe. Also fährt er los. „Sie sind in einer ganz prekären Situation. Stehenbleiben ist keine realistische Option“, sagt Hottinger, dem die Lkw-Fahrer oft ihr Leid klagen.

Wieso gibt es nicht mehr solcher Stationen?

Weil sie der Initiative von Privat oder Verbänden überlassen sind. Lediglich eine wird vom Staat angeboten – das Land Bayern hat auf dem Rasthof Hochfelln-Nord an der A8 eine Schnee- und Eisräumanlage errichtet. Der TÜV Thüringen, ein Unterstützer einer von vier Anlagen in Thüringen, hat gerade die Kosten eines Gerüsts pro Saison mit 1450 Euro angegeben. Zudem brauchen sie Genehmigungen: Als der erste Schnee lag, fehlte in Thüringen für zwei Anlagen noch die Freigabe des dortigen Landesamts für Bau und Verkehr. Der Bund stellt an Autobahnen Flächen kostenfrei zur Verfügung, engagiert sich aber nicht weiter. Polizist Hottinger hat ein Gerüst an der Rastanlage Oberlausitz initiiert, an der A4 kam aus der Polizei Sachsen der Anstoß zu drei Schneegerüsten, die von Tüv und privaten Unterstützern finanziert werden.

In Österreich bietet der Autobahnbetreiber Asfinag an sieben Parkplätzen Räumstationen an. Der Bundesverband Güterkraftverkehr (BGL) fände es „natürlich zu begrüßen, wenn der Gesetzgeber dafür Sorge trüge, dass die von ihm erlassenen Vorschriften auch eingehalten werden können“. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Dr. Adolf Zobel sagt: „Geeignete Standorte sind auf jedem Autobahnrasthof vorhanden.“ Erschwerend sei, dass von rund 350 Rasthöfen der Tank&Rast AG nur 13 in Eigenregie betrieben würden.

Gibt es für die Lkw keine technischen Lösungen?

Doch, mit Gefälle im Planendach läuft das Wasser ab. Marktführer K & M stellt bei Paderborn das Roof Safety Airbag System (RSAB) her: Wird der mittig zwischen Dachplane und Spriegeln liegende Luftschlauch aufgeblasen, entsteht Gefälle und es kann sich kein Wasser auf dem Dach sammeln. Nachdem Firmensenior Johannes Köhler, selbst Spediteur und Lkw-Fahrer, das System 2006 patentiert hatte, wurden im ersten Jahr 20 Einheiten verkauft. Im vergangenen Jahr waren es nach Unternehmensangaben rund 2000, inzwischen seien mehr als 10.000 Fahrzeuge mit dem System unterwegs, die großen Auflieger-Hersteller bieten es inzwischen ab Werk mit an. Solche Systeme werden sogar nach dem De-minimis-Programm gefördert. 80 Prozent der Kosten eines „über-obligatorischen Sicherheitssystems“ übernimmt der Bund.

Warum werden nicht vorbeugend mehr Systeme installiert?

Der Bundesverband Güterkraftverkehr erklärt es mit technischen Gründen: „Bei vielen Aufbauarten macht der Einbau von Dach-Airbags entweder keinen Sinn oder ist nicht möglich“, so Verbands-Funktionär Dr. Zobel,. Bei Containern, Tank- oder Silofahrzeugen könnten aufblasbare Dachairbags das Problem nicht lösen. Allerdings erklärt das nicht, warum nicht mehr Fahrzeuge mit Planen entsprechend ausgerüstet werden, von denen die größte Gefahr durch Eisplatten ausgeht.

K & M-Mitgeschäftsführer Holger Köhler hat noch eine andere Beobachtung gemacht: „Für viele Speditionen war es lange alleine das Problem der Fahrer. Da setzt aber ein Umdenken ein, zumal es auch immer schwieriger wird, gute Fahrer zu finden.“ Eine Pflicht zu Dachairbags oder ähnlichen Lösungen könnte helfen. Der BGL hält sie für nicht sinnvoll. Das Bundesverkehrsministerium antwortet auf Fragen zu dem Thema nur knapp und ausweichend. Wie die Verkehrsteilnehmer die Verpflichtung gewährleisteten, bleibe ihnen überlassen; es sei nur entscheidend, dass sie dies gewährleisten. Wichtig sei die Überwachung – die ist Aufgabe der Länderpolizei.

Was droht Fahrern?

Explizit wird in keinem Gesetz eine Verpflichtung zur Beseitigung von Eisplatten auf Fahrzeugdächern genannt. Fahrzeuge müssen aber in verkehrssicherem Zustand sein. Wer mit einem nicht vorschrifts­mäßigen Fahrzeug die Verkehrs­sicherheit wesentlich beeinträchtigt, kassiert einen Punkt und muss 80 Euro zahlen. Kommt es dabei zu einem Unfall, sind es 120 Euro. Wird dabei jemand verletzt, geht es auch ums Strafrecht – fahrlässige Körperverletzung oder fahrlässige Tötung können ins Spiel kommen. Fährt ein Fahrer vom Betriebshof mit Eis auf dem Dach los, können auch Verantwortliche in der Firma verfolgt werden.

Was können Autofahrer noch tun?

Auch der Schnee auf Autodächern kann zur Gefahr werden – Autofahrer sind wie Lkw-Fahrer verpflichtet, Gefahren für andere auszuschließen. Das heißt: Dicke Schneelagen auch vom Dach räumen. Der Abstand zu vorausfahrenden Lkw sollte im Winter besser noch größer sein.

Was sollte man tun, wenn ein Lkw im vorausfahrenden Verkehr Platten verliert?

Ausweichen ist kritisch, in der Hektik ist die Gefahr groß, die Kontrolle zu verlieren oder mit anderen Fahrzeuge zu kontrollieren. Hans-Ulrich Sander vom Tüv Rheinland rät, Autofahrer sollten ihr Tempo reduzieren und notfalls sogar eine Kollision mit der Eisplatte riskieren. In jedem Fall sollte man falls möglich das Kennzeichen merken und die Polizei verständigen: Wo eine Platte fällt, könnten noch weitere fallen.

Wer zahlt nach einer Kollision mit einer Eisplatte?

Die Kfz-Haftpflichtversicherung des Lkw deckt Schäden durch herabfallende Eisbrocken ab. Neben dem Kennzeichen des Lastwagens oder dem Namen der Firma sollten sich die Geschädigten den Unfallort und die Unfallzeit notieren. Auch Zeugen wie Mitfahrer im eigenen Auto können nützlich sein. Wenn der Lkw nicht ermittelt werden kann, zahlt die eigene Teilkaskoversicherung den Ersatz oder die Ausbesserung von Autoscheiben. Eine Vollkaskoversicherung übernimmt auch darüber hinausgehenden Reparaturkosten.

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