Gewalt

Verurteilte Mörderin von Frankreichs Präsident begnadigt

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Jonas Erlenkämper

Foto: dpa Picture-Alliance / Saran Redaction / picture alliance / dpa

Eine Frau hatte in Frankreich ihren gewalttätigen Ehemann erschossen. Nun wird die Verurteilte vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

Paris.  Es war Mord, daran besteht kein Zweifel. Jacqueline Sauvage gibt zu, dass sie ihren Ehemann von hinten erschossen hat. Dennoch ist sie frei – begnadigt durch François Hollande. Es kommt nicht häufig vor, dass das französische Volk so geschlossen hinter einer Entscheidung seines Präsidenten steht – das ganze Land nimmt Anteil am Martyrium, das Jacqueline Sauvage vor dem Mord erleiden musste.

Sauvage (69) ist in Frankreich eine Ikone im Kampf gegen häusliche Gewalt. Hunderttausende Franzosen drängten Hollande per Petition dazu, sie aus der Haft zu entlassen. Anfang Dezember baten Sauvages Töchter den Präsidenten, ihre Mutter vollständig zu begnadigen. Hollande hat lange gezögert, schwankte zwischen Prinzip und Mitgefühl. Nun hat er sich entschieden. „Das ist ein sehr, sehr großes Glück“, sagte Sauvages Tochter Carole Marot dem Sender Franceinfo. Vier Jahre war die Verurteilte eingesperrt.

47 Jahre dauerte die Ehe

Seit Jacqueline Sauvage vor Gericht von ihrer Ehe erzählte, weiß die Öffentlichkeit über die ausweglos scheinende Situation Bescheid, in der sie sich bis zu ihrer Verzweiflungstat befand. Mit 14 Jahren traf sie Norbert Marot. Mit 25 hatte sie schon vier Kinder von ihm. Der vermeintliche Traummann entpuppte sich als brutaler Schläger. Trotzdem blieb Sauvage bei ihm, 47 Jahre dauerte die Ehe.

Die Frau aus dem zentralfranzösischen La Selle sur le Bied hielt immer still, ertrug Beschimpfungen und Schläge. Blaue Flecken überschminkte sie, Veilchen versteckte sie hinter Sonnenbrillen. Viermal lag sie verletzt in der Notaufnahme. Auch als ihr Mann sie vergewaltigte oder ihre Töchter schlug, ging sie nicht zur Polizei.

Sie tötete ihren Mann mit drei Schüssen

Sauvages Ehehölle endete am 10. September 2012 – es war der Tag, an dem sie ihren Mann umbrachte. Er soll sie abends an den Haaren aus dem Bett gezogen und nach Essen verlangt, sie auch geschlagen haben. Dann ging er auf die Terrasse, in der Hand ein Glas Whiskey.

Sauvage konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wie ein Dampfkochtopf, der explodiert“, so sagte sie vor Gericht. Sie nahm ein Jagdgewehr aus dem Schrank, ging hinaus und schoss ihrem Mann dreimal in den Rücken. Dann benachrichtigte sie die Feuerwehr und rief ihren Sohn an – nicht wissend, dass der sich in seiner Wohnung erhängt hatte. Jener Sohn stand vor dem Mord anscheinend im Mittelpunkt eines handgreiflichen Streits, er wollte in dem Transportunternehmen der Familie nicht mehr als Chauffeur arbeiten.

Töchter bestätigten das Leiden der Mutter

In der Gerichtsverhandlung schilderten später auch Sauvages drei Töchter, wie ihr Vater sie verprügelt und sexuell missbraucht hatte. „Unsere Mutter hat ihr Leben lang in dieser Partnerschaft gelitten“, bezeugten die Frauen, „sie war Opfer unseres Vaters – eines brutalen, tyrannischen, perversen Mannes.“ Ungeachtet dessen verurteilten die Richter Jacqueline Sauvage Ende 2014 zu zehn Jahren Haft.

Viele Prominente – darunter Politiker gegensätzlicher Strömungen wie die rechte Marine Le Pen und der Grüne Daniel Cohn-Bendit – haben gegen das Urteil protestiert. Frauenrechtlerinnen weisen darauf hin, dass in Frankreich alle zwei Tage eine Frau unter den Schlägen ihres Partners sterbe.

Die Frau wird gegen ihren Willen zur Ikone

François Hollande hat sich die Entscheidung dennoch schwer gemacht. Er hält das Gnadenrecht eigentlich für ein überkommenes Privileg aus absolutistischer Zeit. Auch in Deutschland gibt es dieses Recht. So haben Bundespräsidenten mehreren RAF-Terroristen nach Jahren in Haft Gnade gewährt.

Jacqueline Sauvage verließ das Gefängnis am Mittwochabend. Was sie nach ihrer Freilassung tun werde, hat sie in einem schriftlichen Interview mitgeteilt, das sie noch aus ihrer Zelle heraus gab: „Ich will meine Töchter sehen, meine Enkelkinder, mich ausruhen, in Frieden leben.“ Sie sei, schrieb sie, „ein Symbol geworden, ohne es gewollt zu haben“.

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