Rio de Janeiro/Leipzig

Toter Trainer rettet Frau das Leben

Herz des verunglückten Sportlers Stefan Henze schlägt im Körper einer schwer kranken Brasilianerin weiter

Rio de Janeiro/Leipzig. Ein Teil von Stefan Henze lebt in einer 50-Quadratmeter-Wohnung in Rio, zwei Kilometer vom Maracanã-Stadion entfernt. Hier wohnt Ivonette Balthazar, in deren Körper Henzes Herz schlägt. Die 66-Jährige sitzt in ihrem kombinierten Wohn- und Esszimmer, neben dem Fernseher steht noch der Plastik-Tannenbaum mit Glitzerlichtern, draußen brennt die Sonne. Die Weihnachtstage waren eine emotionale Zeit für Balthazar und ihre Familie. „Ich bin ihm so dankbar“, sagt sie über Henze, während ihr Tränen über die Wangen laufen. Balthazars Mutter, 86, verliert völlig die Fassung, sie muss den Raum verlassen.

Ivonette Balthazar ist noch gezeichnet von ihrer schwierigen Operation. Seitdem Ärzte ihr das Spenderherz implantierten, muss sie – der Bakterien wegen – noch Mundschutz tragen, auf ihrer Brust ist eine lange Narbe zu sehen. Aber sie lebt – dank des deutschen Kanutrainers Henze, der während der Olympischen Spiele ums Leben kam.

Rückblick: Im Morgengrauen des 12. August besteigt Henze, der sich als Assistenztrainer der deutschen Slalom-Kanuten in Rio de Janeiro aufhält, nach einer Feier ein Taxi zurück Richtung Olympiadorf. Auf der breiten Avenida das Américas kommt der Wagen bei hohem Tempo von der Straße ab, prallt gegen einen Masten. Henze erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Kollege wird leicht verletzt. Gegen den Fahrer wird später ein Verfahren wegen Totschlags eingeleitet. Wenige Tage später stirbt Henze, der bei Olympia in Athen 2004 als Athlet Silber gewann, im Krankenhaus.

Sie war demTod geweiht

Der Tod des 35-Jährigen rettet Ivonette Balthazar das Leben. Henze hatte einen Organspendeausweis ausgefüllt, Herz, Leber und Nieren werden schwer kranken Brasilianern eingesetzt. Ivonette Balthazar hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Nach einem schweren Herzinfarkt 2012 wurde sie immer schwächer. „Ich lag die ganze Zeit im Bett, konnte mich fast noch nicht mal mehr anziehen.“ 18 Monate wartete sie auf ein Spenderorgan.

Als Balthazar später erfährt, von wem das Organ stammt, schreibt sie eine Mail an Stefan Henzes Familie, weitergeleitet vom deutschen Konsulat. Doch Karin und Jürgen Henze, die Eltern des Kanuten, wollen sie nicht lesen. „Vielleicht später einmal“, sagte Karin Henze der „Mitteldeutschen Zeitung“. Noch sei sie dazu nicht in der Lage. Die bei Leipzig wohnenden Henzes sind verwundert darüber, dass Ivonette Balthazar mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht. In Deutschland schreibt das Transplantationsgesetz vor, dass die Anonymität zwischen Spender und Empfänger gewahrt bleiben muss. Ähnliche Vorgaben gelten in Brasilien. Trotzdem informierte das Instituto Nacional de Cardiologia, in dem die Operation stattfand, Medienvertreter darüber, was mit Henzes Herz geschehen ist.

So vernehmen auch Henzes Hinterbliebene, dass Ivonette Balthazar auf dem Weg der Besserung ist. „Das war schon extrem, die Zeitung aufzuschlagen und urplötzlich wieder damit konfrontiert zu werden“, so Vater Jürgen Henze. Die Anteilnahme am Schicksal seines Sohnes haben ihn und seine Frau berührt. Sie hätten erfahren, dass viele andere ebenfalls schwere Schicksale zu tragen haben. „Es gibt aber auch Menschen im Bekanntenkreis, die Berührungsängste haben, nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.“

Henzes Tod hat viele dazu gebracht, ebenfalls über das Ausfüllen eines Spenderausweises nachzudenken. In Deutschland müssen potenzielle Spender ihr Einverständnis dokumentieren, etwa in Form eines Ausweises. In anderen Ländern dagegen müssen potenzielle Spender einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen. Diese Regelung lehnt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ab. Der DSO sei es „besonders wichtig, den Willen des Verstorbenen umzusetzen, deswegen unterstützen wir die Entscheidungslösung“.

Für Ivonette Balthazar geht es bergauf. Zwar muss sie täglich sechs Viagra-Pillen nehmen, damit sich die Arterien weiten – Henzes Athletenherz ist kleiner als ihres. Aber sie kann endlich wieder die Wohnung verlassen. „Es ist kaum zu beschreiben. Ich habe meine Freiheit zurückgewonnen.“