Berlin

Athletisch ist das neue Dünn

Frauen mit Muskeln sind das Schönheitsideal der Zeit. Ein Trend, der im Internet entstanden ist

Berlin. Ein Schlag, ein Treffer: US-Topmodel Gigi Hadid war im September in Paris auf dem Weg zu einer Modenschau, als sich Comedian Vitalii Sediuk von hinten heranschlich und sie hochhob. Die 21-Jährige reagierte schneller als ihr Bodyguard und setzte den Angreifer mit einem gezielten Ellenbogen-Hieb außer Gefecht. Die Hobby-Boxerin gehört zu einer neuen Model-Generation, die alles andere als zerbrechlich ist. „Wir erleben eine Kehrtwende im Schönheitsideal“, sagt Mode-Journalistin Annette Weber. „Konnte es der Modebranche lange nicht dünn genug sein, sind derzeit athletische Topmodels wie Adriana Lima oder Karlie Kloss gefragt.“

Und die dokumentieren ihr schweißnasses Training und ihre Sixpacks auf glitzernden Selbstdarstellungsportalen wie Instagram. Fitness-Models wie Michelle Lewin besetzen eine eigene Nische, posten Trainingsanleitungen. Auch Hollywoodstars lassen die Muskeln spielen: Kate­ ­Hudson war Titelgirl des Sportmagazins „Shape“, Renée Zellweger präsentierte ihre durchtrainierte Schulterpartie auf Filmpremieren. Bei all ihren Verdiensten bleiben vielen besonders die Oberarme von Noch-First-Lady Michelle Obama in Erinnerung. „Muskulös, aber gleichzeitig auch weiblich“, jubelte etwa die „Brigitte“. Auch die Kehrseite rückt in den Vordergrund. „Ein trainierter Po hat heute als Schönheitssymbol den Stellenwert, den sonst das Dekolleté hatte“, sagt Weber.

Aktiv gestalten statt passiv hungern

47 Prozent der Fitnessstudio-Besucher sind inzwischen Frauen, 70 Prozent wünschen sich laut der Erhebung „Frauenfitness Deutschland 2016“ mehr Muskeln. „Früher kamen Frauen vor allem zu mir, weil sie abnehmen wollten“, sagt die Personal Trainerin und Autorin Eri Trostl („Young Balance“), „jetzt wollen sie Muskeln aufbauen.“ Die Australierin Alex Hipwell war 15 Jahre Profi-Tänzerin – jetzt hat sie sich als Bodybuilderin neu erfunden. „Die Superdünnen sind nie glücklich. Sie sind nie dünn genug. Ich weiß es, ich war eine von ihnen“, sagt sie. In sieben Monaten hat sie nun zwölf Kilo zugelegt: „Ich liebe es, meinen Körper mit Training und Ernährung zu designen.“ Das sind die Signale des Körperkults: Ich bin diszipliniert, ich habe die Kontrolle, ich kann kämpfen. „Eine Hungerdiät ist passiv, man lässt etwas weg“, erklärt Trainerin Trostl. „Erfolgreiche Frauen jedoch wollen lieber aktiv gestalten.“ Motto: ausgewählte statt reduzierter Ernährung. Ihre Fitnessprogramme sieht Trostl ganzheitlich: „Eine neue Körperhaltung sorgt auch für eine neue innere Haltung. Fitness stabilisiert das Leben von innen heraus, macht selbstbewusster.“

Die athletische Frau galt schon in den 80er-Jahren als Ideal: Designer übersteigerten die sportlichen Silhouetten von Stéphanie von Monaco, Cindy Crawford oder Rachel Hunter mit Schulterpolstern, die Frauen wie Rugby-Spieler aussehen ließen. In den 90ern eroberten dann Kate Moss und der „Heroin Chic“ den Laufsteg – bald gefolgt von der Magermodel-Debatte. Frankreich beschloss 2015 gar ein Berufsverbot für knochige Models.

Der heutige Körper-Trend hat seinen Ursprung im fitnessverrückten Los Angeles, wo man sich zum Smoothie statt zum Wodka-Drink verabredet. Über soziale Medien und Blogs breitete er sich weltweit aus. „Es ist eine Schönheitsbewegung, die von den Massen ausgelöst wurde. Die elitären Modehäuser und Magazine in New York oder Paris, die sonst die Vorgaben machten, konnten nur reagieren“, erklärt Weber. „Wir erleben eine Demokratisierung des Geschmacks.“ Jeder, der sich einen Fitnessclub leisten kann, könne einsteigen. Das heutige Statussymbol Muskeln, so Weber, sei schließlich ehemals Insigne der Arbeiterklasse gewesen. Parallel dazu sieht die Modeexpertin auch eine Wiederkehr der Sonnenbräune, die nach den 80ern verpönt war.

Der Fitnessboom erscheint zwar für die Gesundheit besser als der Magerwahn, kann aber ebenso schnell zur Sucht ausarten. Manche Klientin sehe die gefilterten Promi-Fotos im Internet und setze sich überzogene Ziele, sagt Trostl: „Früher musste ich meine Klientinnen motivieren. Jetzt muss ich sie immer öfter bremsen.“