Berlin

Handschellen für Passagiere

Immer gewalttätigere Fluggäste sorgen für Ärger an Bord. Die Airlines reagieren mit harten Maßnahmen

Berlin. Als der Passagier ausrastet, schlägt die große Stunde des Richard Marx. Der US-Schmusesänger, der Ende der 80er-Jahre mit „Right Here Waiting“ bekannt wurde, wird auf einem Flug von Hanoi in Vietnam ins südkoreanische Seoul zum Helden, weil er einen pöbelnden Mitreisenden überwältigt und fesselt. „Meine Frau und ich sind in Sicherheit, aber ein Crewmitglied und zwei Passagiere wurden verletzt“, schreibt Marx (53) am Dienstag auf Facebook. „Die komplett weibliche Crew hatte keine Ahnung und hatte es nicht trainiert, wie man einen Psycho bändigt.“ Marx’ Fotos zeigen einen jungen Mann, der Stewardessen schubst und das ganze Flugzeug in Atem hält. Nach der Landung stürmen Polizisten ins Flugzeug. Der Störer soll betrunken gewesen sein.

Was Richard Marx erlebt hat, ist kein Einzelfall. Immer mehr Passagiere ticken im Flugzeug aus, zünden Sitze an, wollen Türen während des Fluges öffnen, prügeln sich, schreien das Personal an oder ignorieren dessen Anweisungen. „Es ist zu einem großen Pro­blem geworden“, sagt Paul Steele vom Internationalen Luftfahrtverband (Iata). Zwischen 2007 und 2015 gab es mehr als 49.000 Zwischenfälle an Bord. Allein 2015 ereigneten sich weltweit fast 11.000 derartige Episoden, eine Zunahme um 17 Prozent gegenüber 2014. Es häufen sich Meldungen von Flugzeugen, die sogar zwischenlanden müssen, um renitente Passagiere von Bord zu schaffen. „Wenn sich alle Flugbegleiter nur um einen Gast kümmern müssen, ist die Sicherheit nicht mehr gewährleistet“, warnt Steele.

Elf Prozent der Querulanten werden gewalttätig. Häufig ist Alkohol im Spiel. Das Problem trete in der Economyclass genauso auf wie in der ersten Klasse, sagt Cord Schellenberg, Vizepräsident des Luftfahrt-Presse-Clubs. Tatsächlich ist der Franzose Gérard Depardieu, der einst in wohl angetrunkenem Zustand vor den Augen seiner entsetzten Mitreisenden in den Gang urinierte, nur ein Name auf einer langen Liste von Prominenten, die während eines Fluges ausflippten. Auch die Sänger Liam Gallagher (44) und Snoop Dogg (45) sowie Model Naomi Campbell (46) gingen über den Wolken schon in die Luft. Viele Airlines haben Gegenmaßnahmen ergriffen. „Oberstes Gebot ist, erkennbare Störer erst gar nicht an Bord eines Flugzeugs zu lassen“, sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty.

Ein Zwischenstopp kostet mindestens 10.000 Euro

Lässt sich ein auffälliger Passagier nicht beruhigen, kann die Besatzung zu drastischen Maßnahmen greifen. Viele Airlines führen an Bord Fixierungsbänder mit, manche sogar Handschellen. Im Extremfall legt die Maschine einen Zwischenstopp ein, um den Randalierer des Flugzeugs zu verweisen. Die Entscheidung darüber trifft alleine der Pilot. Für den Passagier wird das teuer. „Ein Zwischenstopp kostet ab 10.000 Euro. Und das zahlt keine Versicherung“, so Luftfahrtexperte Schellenberg.

Doch Alkohol ist nicht der einzige Auslöser für Unruhe im Urlaubsflieger. Laut „New York Times“ bauen viele Airlines schmalere Sitze ein. Wo früher neun Plätze in einer Reihe waren, gebe es jetzt teils zehn. „Wenn man Menschen zusammendrängt, gibt es einen Punkt, an dem sie nicht länger fähig sind, angemessen zu funktionieren“, sagte der Psychologieprofessor Leon James dem Blatt. „Einige Passagiere fühlen sich auch schlicht zu sicher an Bord“, meint Iata-Sprecher Chris Goater. Sie weigerten sich etwa, ihr Handy auszustellen, obwohl es für diese Anweisung gute Gründe gebe, schließlich könnten Handys den Funk stören.

Braucht Deutschland härtere Strafen für Randalierer? Unternehmen wie Lufthansa fordern das seit Jahren. Auch Cord Schellenberg vom Luftfahrt-Presse-Club sagt, in anderen Ländern drohten drastischere Sanktionen: „Wer auf einem Flug in die USA ausflippt, wird ein Leben lang kein Visum mehr bekommen.“ Auch wenn die Stewardessen von Richard Marx’ Korean-Air-Flug offenbar überfordert waren: Viele Linien versuchen, ihre Mitarbeiter gezielt im Umgang mit Betrunkenen zu schulen. So versucht der britische Ferienflieger Monarch, am Flughafen London-Gatwick Besäufnisse vor dem Abflug gezielt zu verhindern. Die Anzahl der Vorfälle auf Flügen nach Ibiza sank seitdem um 50 Prozent.