Extremismus

Terrorziel Europa: Ist der IS gefährlicher geworden?

Strategien von Terrorgruppen sind perfide und modern. Islamisten rekrutieren ihre Attentäter unter Kriminellen, aber auch Flüchtlingen.

Der IS inszeniert sich gerne als starker Staat mit einer eigenen Armee. Er ist aber vor allem eine kriminelle Organisation.

Der IS inszeniert sich gerne als starker Staat mit einer eigenen Armee. Er ist aber vor allem eine kriminelle Organisation.

Foto: imago/ZUMA Press

Berlin/Kairo.  Je kleiner der Kreis der Mitwisser, desto besser. Je weniger über den Angriff in der Gruppe geredet wird, desto weniger anfällig ist der Plan für die Geheimdienste. Es braucht keinen komplexen Terror-Plot, keinen selbstgebastelten Sprengstoff, es reicht ein Einkauf im Baumarkt: eine Axt, ein Messer. Es reicht ein gestohlener oder gemieteter Lastwagen.

Diese Anleitung für ihre Terrorstrategie gibt der „Islamische Staat“ in seinem Propaganda-Magazin „Dabiq“, Ausgabe 4, Sommer 2014. Bereits mehrere Anschläge sind nach diesem Muster verlaufen – und jetzt sprechen Tathergang und Tatort dafür, dass nach diesem Muster auch das Attentat auf der Berliner Weihnachtsmarkt verübt wurde.

Es fehlten „Allahu Akbar“-Rufe

Und noch etwas kommt hinzu: Die Terrororganisation IS hat den Anschlag am Dienstagabend für sich reklamiert. Ein „Soldat des Islamischen Staates“ habe die „Operation nach Aufrufen zum Angriff auf Angehörige der Koalitionsstaaten“ ausgeführt, heißt es in einer Mitteilung der IS-nahen „Amaq Agentur“, einer Pseudo-Nachrichtenagentur der Islamisten.

Vom Anschlag gibt „Amaq“ kein Wissen heraus, dass nur der Täter haben könnte. Auch ein Video oder Fotos des Angreifers veröffentlicht das Netzwerk nicht. Beweise, dass der IS tatsächlich hinter dem Attentat von Berlin steckt, gibt es derzeit nicht. Zudem ist ungewöhnlich, dass ein IS-Attentäter vom Tatort flieht – und nicht bis zu seinem Tod als „Märtyrer“ weiter Menschen erschießt. Auch den typischen Ausruf „Allahu akbar“ hörte in Berlin offenbar keiner der Zeugen vor Ort.

Attentat ändert nichts an Bedrohungslage

Dennoch stellten sich IS-Schreiben, in denen sie Terror für sich reklamierten, in der Vergangenheit in mehreren Fällen als belegbar heraus. Oder Belege durch den IS selbst folgten. Und mit der Verlautbarung des IS nach dem größten Terror in Deutschland seit vielen Jahren wächst die Sorge vieler Menschen: Wird der IS für den Westen gefährlicher?

Die Antwort ist weder beruhigend noch alarmierend: Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz heben immer wieder hervor, dass die Bedrohungslage gleichbleibend ernst und hoch ist. Der IS hat den Westen als Terror-Ziel ausgerufen – das ändert sich auch nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt nicht.

Trotz Razzien ist die Szene in Deutschland aktiv

Die Polizei nahm am Mittwoch einen weiteren Verdächtigen ins Visier: Anis Amri. Er soll im Umfeld des radikalen Predigers Ahmad Abdelazziz A. aktiv gewesen sein. Der Islamist war im November im Zuge einer Razzia in einer Hildesheimer Moschee festgenommen worden. Haftgrund: Amri soll mit einer Gruppe von mehreren Islamisten den IS unterstützt und Ausreisen nach Syrien organisiert haben.

Das zeigt: Trotz Razzien, trotz Vereinsverboten und Inhaftierungen einzelner führender Köpfe sind weiterhin Akteure der salafistischen und dschihadistischen Szene in Deutschland aktiv – und gefährlich. Wie eng der Kontakt von Strategen des IS in Syrien zu Islamisten in Berlin, Hildesheim oder Hamburg tatsächlich ist, kann nur im Einzelfall nachgewiesen werden. Doch die geistige Verbindung des IS reicht von Syrien bis hierher. Und das reicht den Terroristen oftmals schon.

Ausbildung im Terrorcamp nicht nötig

Denn die Strategie der IS-Terroristen richtet sich nach Einschätzung mehrerer Experten wie Thomas Hegghammer von der Universität Oslo oder Peter Neumann vom King’s College in London gezielt auch an Einzeltäter in Ländern wie USA, Frankreich oder Deutschland. Fachleute sprechen von „low-involvement plots“, also Attentaten, für die nur wenige Werkzeuge und keine spezielle Ausbildung an Waffen nötig sind. Oftmals sind es Einzeltäter, die zuschlagen.

Man muss nicht mehr im Terrorcamp von al-Qaida gewesen sein – es reicht, in einer deutschen Kleinstadt durch Propaganda so radikalisiert zu sein, dass man auf eigene Faust im Namen des IS losschlägt. Wie eng bei der Planung und Ausführung der Kontakt oder die personelle und materielle Unterstützung durch IS-Kämpfer ist, variiert. Der Dschihadismus-Forscher Petter Nesser schreibt: „Die Zahl dieser Angriffe von Sympathisanten hat stark zugenommen.“

Zahl der „Gefährder“ nimmt zu

Eine entscheidende Rolle dabei hat laut Nessers Untersuchung der Aufruf des IS-Sprechers Abu Mohammed al-Adnani im September 2014 gespielt. Al-Adnani forderte damals von amerikanischen und europäischen Sympathisanten genau diese Form der „low-involvement plots“. Während die Forscher zwei Jahre lang keine dieser Angriffe im Westen zählten, stieg die Zahl in zehn Monaten nach al-Adnanis Aufruf auf 21. Kein Zufall, sagt Nesser.

So erkläre ich Kindern den Anschlag

Und auch in Deutschland ist die Zahl der Islamisten, denen die Sicherheitsbehörden einen gewalttätigen Angriff zutrauen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 549 Menschen stufen Polizei und Verfassungsschutz derzeit als „Gefährder“ ein. Auch der nun im Zusammenhang mit dem Anschlag in Berlin Tatverdächtige Anis Amri zählt in diesen Kreis. Das BKA sprach Mitte November noch von 530. Vor gut einem Jahr waren es laut Verfassungsschutz noch 420.

Großes Reservoir an Attentätern

Nicht alle Gefährder halten sich in Deutschland auf, viele sind im Ausland, etwa in der Türkei oder Syrien. Und die Zahl kann auch durch die erhöhte Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden und die etlichen polizeilichen Maßnahmen angestiegen sein.

Klar ist nur: Das Reservoir an potenziellen Attentätern ist für den IS groß – die professionelle Propaganda spricht junge Menschen an, die Verbreitung ist durch das Internet und soziale Netzwerke viel leichter als noch vor zehn Jahren. Maßnahmen des Staates dagegen sind viel schwieriger geworden.

Ausreise in Dschihad ist schwieriger geworden

Die IS-Kommandeure hätten die strategische Entscheidung gefällt, den europäischen Kontinent mit etlichen Kämpfern zu destabilisieren, warnte kürzlich der Chef von Europol, Rob Wainwright. Hinzu komme eine „noch größere Zahl solcher, die niemals in Syrien waren und dennoch fähig sind, sich zu radikalisieren und ebenfalls Attentate auszuführen“.

Der Terror in Europa war auch schon in der Phase militärischer Erfolge für den IS wichtiges Ziel. Doch eine Ausreise von Kämpfern aus Deutschland oder Frankreich nach Syrien oder Irak ist aufgrund der Angriffe durch die Alliierten und Kurden und die Maßnahmen europäischer Behörden schwierig geworden. Sie bleiben hier – manche, so fürchten Terror-Ermittler, ziehen in ihrer deutschen Nachbarschaft in den „Heiligen Krieg“.

Sozial frustrierte Jugendliche leichtes Ziel

Auf mehrere Personengruppen hat es die Rekrutierung des IS für den Terror in Europa abgesehen: aus dem Kalifat eingeschleuste IS-Kämpfer, aber häufig auch sozial frustrierte und isolierte einheimische Jugendliche, die nie in Syrien waren; die Drahtzieher der Attentate von Brüssel und Paris wuchsen in Belgien auf.

Aber auch junge Flüchtlinge gehören zu den Zielpersonen der IS-Rekrutierer – Menschen, die sich in einer Unterkunft in Deutschland in einer labilen, von der Heimat und der Familie entfremdeten Lebenslage wiederfinden. Sie lassen sich leicht aufhetzen.

Viele hatten kriminelle Karriere hinter sich

Für alle Tätertypen lassen sich Beispiele unter den Anschlägen von Paris über Nizza bis Ansbach und Würzburg finden. Bei diesem neuen Typ des Dschihadisten verwischen die Grenzen zwischen Extremismus und organisiertem Verbrechen. Auffallend viele der nach den Massakern in Paris und Brüssel identifizierten IS-Täter hatten eine kriminelle Karriere hinter sich.

Ihre verbrecherischen Fähigkeiten erwarben sie als Straßendiebe, Drogenhändler oder kleine Ganovenbosse, bevor sie für den „Islamischen Staat“ auf Mordmission gingen. Netzwerke und verbrecherische „Fähigkeiten“ sind einfach übertragbar: vom Beschaffen einer Waffe bis zum Abtauchen vor der Polizei.

Wie religiös die Attentäter sind, spielt kaum eine Rolle

Kriminelle können sich von Verbrechen durch eine „neue Mission“ religiös „freisprechen“ – oder aber auf diese Weise ihre Straftaten ideologisch überhöhen – es bleiben jedoch Straftaten, die Religion wird als Legitimierung missbraucht. Gefängnisse sind nach Erkenntnissen von Forschern wie Peter Neumann und Rajan Basra auffällig häufig das Umfeld für Radikalisierung und Vernetzung zwischen Extremisten und Kriminellen.

Anders als im herkömmlichen radikal-fundamentalistischen Milieu, werden IS-Konvertierten nicht „durch das Licht des Islam“ geläutert, sondern bleiben ihrer kriminellen Szene treu. „Diese Verbindung mit der kriminellen Welt, das gab es bei Osama bin Laden nicht“, erläuterte Mohammad-Mahmoud Ould Mohamedou, Harvard-Dozent und Vizechef des „Zentrums für Sicherheitspolitik“ in Genf. Wie religiös ein Mensch ist, spielt für den IS bei der Radikalisierung eine untergeordnete Rolle. Wie viele der Angreifer tötet und auf welche Weise, ist nicht entscheidend. Hauptsache: Er oder sie tötet.