Drogenexperiment

Heilpraktiker im Massenrausch: Staatsanwalt erhebt Anklage

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Es war ein Großeinsatz für die Rettungskräfte im September 2015: Bei einer Tagung von Heilpraktikern war es zu einer Massenvergiftung gekommen. Teilnehmer des Seminars kamen mit Wahnvorstellungen, Krämpfen, Luftnot und Herzrasen in verschiedene Krankenhäuser.

Es war ein Großeinsatz für die Rettungskräfte im September 2015: Bei einer Tagung von Heilpraktikern war es zu einer Massenvergiftung gekommen. Teilnehmer des Seminars kamen mit Wahnvorstellungen, Krämpfen, Luftnot und Herzrasen in verschiedene Krankenhäuser.

Foto: Christian Butt / dpa

Eine Heilpraktikerin und ihr Ehemann müssen sich für ein Experiment verantworten, das 29 Heilpraktiker in einen Drogenrausch versetzte.

Stade.  Mehr als ein Jahr nach dem Massenrausch bei einem Heilpraktikerseminar im niedersächsischen Handeloh hat die Staatsanwaltschaft Stade jetzt Anklage erhoben. Den beiden Organisatoren wird unter anderem der Besitz von Drogen vorgeworfen. Beschuldigt werden eine 49-Jährige Heilpraktikerin und ihr 51 Jahre alter Ehemann, er ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Beide stammen aus dem Raum Aachen.

Wahnvorstellungen, Krämpfe und Herzrasen

Laut Anklage wurden bei dem Seminar im Tagungshotel „Tanzheimat Inzmühle“ Drogen verteilt. In der Gruppe soll es um „persönliche Selbsterfahrung“ und die „Förderung der Bewusstseinsentwicklung“ gegangen sein. In Handeloh südlich von Hamburg waren am 4. September 2015 mehr als 160 Rettungskräfte im Einsatz. Die Seminarteilnehmer kamen mit Wahnvorstellungen, Krämpfen und Herzrasen ins Krankenhaus.

Den beiden Organisatoren wird unter anderem der Besitz von Drogen vorgeworfen, wie Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas mitteilte. Den beiden drohe bei einer Verurteilung außer einer Haftstrafe auch ein Berufsverbot, so Breas. Wann der Prozess am Landgericht Stade beginnt, stehe noch nicht fest. Nach den Ermittlungsergebnissen seien die Beschuldigten Sympathisanten der sogenannten Kirschblütengemeinschaft, sagte Breas. Diese Gruppierung wird von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als „problematisch“ eingestuft, Kritiker sprechen von einer Sekte.

Lebensgefährliche Vergiftungen

Die Szenen, die sich im idyllischen Garten vor dem Tagungshotel im Landkreis Harburg abspielten, wirkten surreal und abstoßend. Die 29 Seminarteilnehmer torkelten, waren verwirrt und lagen herum. Manche halluzinierten. Die Teilnehmer waren Opfer des gescheiterten Drogenexperiments und mussten mit zum Teil lebensbedrohlichen Vergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die nun Angeklagten befassen sich mit der sogenannten Psycholyse. Dabei soll mit Hilfe von Drogen eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Bei Experten steht die Methode als unseriös und gefährlich in Verruf. „Mit Psychotherapie und Medizin hat die sogenannte Psycholyse nichts zu tun“, sagte Dr. Iris Hauth von der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Nervenheilkunde dem „Hamburger Abendblatt“ einmal. „Wenn jemand zu diesem Zweck illegale Drogen verabreicht, ist das eine Straftat. Außerdem wird dabei dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor geöffnet.“

Der Konsum von Betäubungsmitteln ist straflos

Die Teilnehmer des Seminars hatten die verbotene Psychodroge 2C-E in jeweils zwei Kapseln zu sich genommen, wie die Behörden mitteilten. Die Ermittlungsverfahren gegen die 27 Teilnehmer wurden eingestellt. Der bloße Konsum von Betäubungsmitteln sei straflos, erklärte Breas. (dpa, HA)

• Dieser Text ist zuerst im „Hamburger Abendblatt“ erschienen.

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