Berlin

Mit Depressionen im Cockpit

| Lesedauer: 4 Minuten
Jonas Erlenkämper

Hunderte Piloten kämpfen mit seelischen Problemen – aus Angst vor dem Jobverlust suchen sie keine Hilfe

Berlin. Andreas Lubitz wusste, dass er krank ist. Trotzdem durfte der Co-Pilot ein Flugzeug fliegen – und ließ im März 2015 eine Germanwings-Maschine in den französischen Alpen zerschellen. 150 Menschen kamen ums Leben. Nun belegt eine Studie der US-Eliteuni Harvard: Lubitz war kein Einzelfall. Trotz regelmäßiger Gesundheitsuntersuchungen haben viele Piloten psychische Probleme. Die Studie wirft ein Schlaglicht auf einen Berufsstand, der Verantwortung für Hunderte Menschenleben trägt – doch anscheinend sind nicht alle Piloten diesen Anforderungen gewachsen.

„Wir haben herausgefunden, dass viele Piloten, die derzeit fliegen, mit depressiven Symptomen kämpfen, und es könnte sein, dass sie keine Hilfe suchen, weil sie Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre Karriere haben“, sagt Joseph Allen, Hauptautor der im Fachjournal „Environmental Health“ veröffentlichten Studie. Bei jedem achten befragten Piloten – darunter auch Deutsche – waren Anzeichen für eine Depression erkennbar. Rund vier Prozent der Befragten berichteten von Selbstmordgedanken innerhalb der vergangenen zwei Wochen.

Suizidgefährdete Piloten im Flugzeug: Passagiere wie Behörden sind alarmiert. Zwar wird nicht jeder Depressive einen erweiterten Selbstmord begehen wie Andreas Lubitz, sagen Experten. Doch sie betonen die Gefahr: „Vor allem männliche Patienten zeichnen sich durch eine erhöhte Risikobereitschaft aus“, sagt Richard von Bergmann-Korn, Vorstand der Limes Schlosskliniken, einer Therapieeinrichtung für psychisch Kranke in Mecklenburg-Vorpommern. Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit fordert deshalb: „Piloten müssen zu 100 Prozent fit sein.“

Jährlicher Fitnesstest für Berufspiloten

Die Anforderungen an Piloten sind in den letzten Jahren gestiegen. „Vor zehn Jahren war ich als Langstreckenpilot 15 Tage im Monat unterwegs und 15 Tage zu Hause“, so Wahl. „Inzwischen verbringen Langstreckenpiloten selten weniger als 20 Tage pro Monat im Hotel.“ Das habe gravierende Folgen für das Privatleben: „Jeder kleine Ehestreit wird über Tage in die Länge getrieben.“ Hinzu komme, dass Piloten kaum noch Kontakt zu den Passagieren hätten – eine Folge der Anschläge vom 11. September 2001. Seitdem ist die Cockpit-Tür stets verriegelt. Unter Sicherheitsaspekten sei das eine richtige Maßnahme gewesen, sagt Wahl. Sie habe jedoch dazu geführt, dass sich manche Piloten isoliert fühlten.

Cord Schellenberg, Vizepräsident des Luftfahrt-Presse-Clubs, glaubt hingegen nicht, dass die Zahl depressiver Piloten deutlich gestiegen ist. „Früher hat es das auch schon gegeben. Aber das Interesse der Öffentlichkeit ist nach Germanwings größer und ein Burn-out gesellschaftlich akzeptiert.“

Berufspiloten müssen ihre Fitness jährlich bei einem gründlichen Gesundheitscheck nachweisen – ab dem 40. Lebensjahr sogar alle sechs Monate. Dabei geht es nicht nur um die Psyche, sondern um die Blutwerte und den Zustand der Augen und des Herzens. Gibt es psychologische Auffälligkeiten, werden die Piloten an spezielle Luftfahrtpsychologen überwiesen. Bei schwerwiegenden ärztlichen Bedenken droht das berufliche Aus. Kaum verwunderlich also, dass manche Erkrankte ein Geheimnis aus ihrem seelischen Zustand machen. „Es gibt einen Schleier der Verschwiegenheit um psychische Probleme im Cockpit“, so Harvard-Forscher Joseph Allen. Forschung zum Thema sei nicht einfach. Um verlässliche Ergebnisse zu bekommen, arbeiteten Allen und seine Kollegen mit anonymen Onlinebefragungen.

Experten fordern Wachsamkeit

Die Untersuchung lässt darauf schließen, dass die Kontrollen lückenhaft sind. Cockpit sowie große Fluggesellschaften wie Lufthansa, Air Berlin oder Condor bieten Piloten zwar psychologische Hilfe an, ohne dass der Arbeitgeber sofort davon erfährt. „Es wäre aber wünschenswert, wenn solche Programme verpflichtend wären“, so Wahl von Cockpit. Cord Schellenberg fordert von Kollegen und Passagieren, die Behörden einzuschalten, wenn sich ein Pilot merkwürdig benimmt.

Wie sinnvoll das sein kann, zeigt ein Fall aus dem Sommer 2015. Damals hatten Mitarbeiter eines Osloer Hotels die Polizei auf zwei Piloten von Air Baltic aufmerksam gemacht, die kurz vor dem Start zwei Flaschen Whiskey geleert hatten. Alkoholtests ergaben, dass beide betrunken waren, der Co-Pilot hatte 1,35 Promille im Blut. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Trunkenheit zu sechs Monaten Haft.

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