Idole

Darum hat uns der Tod von Prominenten 2016 so bewegt

2016 sind nicht nur viele prominente Menschen gestorben, zuletzt George Michael. Auch unsere Art zu trauern scheint sich zu verändern.

Pop-Superstar George Michael starb am ersten Weihnachtsfeiertag. Vor seinem Haus in London trauern Fans.

Pop-Superstar George Michael starb am ersten Weihnachtsfeiertag. Vor seinem Haus in London trauern Fans.

Foto: Andy Rain / dpa

Berlin.  Normalerweise wird in einem Nachruf noch einmal der Verstorbene vorgestellt, seine Leistungen und Verdienste werden aufgelistet. Doch im Jahr 2016 sind Menschen gestorben, die man nicht mehr vorstellen musste: Muhammad Ali, David Bowie, Prince und George Michael, Götz George und Peter Lustig waren Idole mehrerer Generationen. Sie haben Millionen von Menschen durch Kindheit, Jugend oder das ganze Leben begleitet. Alle wollten so schlagfertig sein wie Ali, virtuos wie Bowie und dabei ein so vermeintlich sorgenfreies Leben führen wie Peter Lustig.

Doch 2016 hat nicht nur gefühlt besondere Todesmeldungen produziert. Auch zahlenmäßig war das Jahr eine Besonderheit. Die Nachrichtenagentur dpa hat nach eigenen Angaben bis Anfang Dezember 40 Eilmeldungen zu Todesfällen von Prominenten verschickt – so viele habe es in den Vorjahren nie gegeben. Vieles spricht dafür, dass 2016 ein besonderes Jahr der Trauer war und wir in Zukunft vielleicht nie wieder so wie jetzt trauern werden.

Unsere Idole sind verschwunden

Dass Millionen von Menschen 2016 als besonderes Jahr der Trauer wahrnehmen, ist auch eine Generationenfrage. George (77), Ali (74) und Bowie (69) etwa sind in einem Alter gestorben, in dem für viele Menschen Krankheiten und Tod ein Thema sind. Wer diese Generation von Stars seit der eigenen Kindheit verfolgt hat, dem wird im Moment der Trauer auch das eigene Alter, die eigene Sterblichkeit bewusst.

„Solche Todesnachrichten sind ein bisschen wie ein Anruf, dass ein alter Klassenkamerad gestorben ist“, sagt der Medienpsychologe Sebastian Buggert.

Die 2016 verstorbenen Promis haben zudem Rekorde im Sport aufgestellt und Medaillen gewonnen – so wie die verstorbene Ruderin Sarah Tait. In der Kunst haben sie eigene Genres und damit auch Jugendbewegungen geschaffen. Leonard Cohen etwa war als Musiker, Maler und Schriftsteller aktiv. Mit ernsten aber teils sarkastischen Texten prägte er die Folk-Musik. Oder auch Prince, der die Musik vieler Künstler nach ihm prägte. Komplett neue Genres oder Jugendbewegungen hat es in den vergangenen Jahren aber kaum gegeben. Die „Erfindung“ von Rock’n’Roll, HipHop oder Techno liegt jeweils schon Jahrzehnte zurück. Viele heutige Stars verstehen sich als Alleskönner und Wandler zwischen den Welten.

Der Medienkonsum hat sich verändert

Wie alle anderen Nachrichten nehmen wir auch Todesmeldungen im Gegensatz zu früher mit größerer Intensität wahr. Rundfunk, Internet und soziale Medien haben unseren Medienkonsum verändert und ein größeres Publikum geschaffen.

Als ein Prominenter, der in allen Medien stattgefunden hat, gilt der Schauspieler Bud Spencer. Seinen Durchbruch feierte Carlo Pedersoli, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, 1970 mit dem Film „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ an der Seite von Mario Girotti alias Terence Hill.

Das ist Jahrzehnte her. Doch sein Kultstatus hielt auch noch bis in die Zeiten der sozialen Netzwerke an. Bilder und kleine Filme von Bud Spencer werden noch heute über Facebook, Twitter und WhatsApp geteilt.

Es gibt also heute kaum eine Altersgruppe oder soziale Schicht, bei denen Todesmeldungen über Prominente gar nicht ankommen.

Der Stoff aus dem Legenden sind

Viele der 2016 verstorbenen Prominenten waren unerreichte Stars. Menschen wie Muhammad Ali oder David Bowie wurden weltbekannt, als das Internet in so weiter Ferne lag wie Bowies Weltraumvisionen über Ziggy Stardust. Wer die Promis nicht persönlich kannte, bekam von ihnen in Deutschland nur ab und zu etwas mit – und zwar das, was die beiden einzigen Fernsehsender ARD und ZDF zeigten oder Zeitungen und Magazine auf ihren Seiten unterbringen konnten.

Informationen über die Promis waren ein knappes Gut, gepaart mit einer großen Nachfrage ergab sich als Preis ein großes Interesse. So blieb eine Distanz, die den Unterschied zwischen Anerkennung und Verehrung ausgemacht hat. Genau unter diesen Umständen werden Idole geboren.

Vielleicht trauern wir nie wieder wie 2016

Das Internet und unzählige TV- und Rundfunkkanäle haben heute fast unbegrenzte Kapazitäten, um über Stars und Sternchen zu berichten. Doch nicht nur dieser Umstand spricht dafür, dass wir in Zukunft wohl anders trauern werden als im Jahr 2016. Der Starkult ist quasi auf einem Höhepunkt angelangt oder kurz davor.

Die ganz großen Stars sind mithilfe etablierter Medien bekannt geworden, haben aber die neuen Medien schon für sich genutzt. Doch die Zeit des knappen Angebots wird nicht mehr zurückkommen. Dass Fans monatelang, vielleicht ein Jahr, auf Nachricht von ihrem Star warten müssen, ist heutzutage kaum denkbar. Das Legendenhafte geht so verloren.

Stars verändern selbst den Kult um sie

Diesen Prozess befeuern die Stars dabei selbst. In sozialen Netzwerken teilen sie mehr oder weniger private Geschichten von sich. Sie bieten ihren Fans so immer mehr Gründe, ihnen weiter zu folgen, an ihrem Alltag teilzuhaben. Auf der anderen Seite trauert man aber auch ganz anders um jemanden, dessen leben man bis ins vermeintlich Private hinein und bis zur letzen Minute begleitet hat.

Satirisch hat Popsänger Justin Bieber als einer dieser jungen Stars diesen Umstand bereits selbst in einem Kinofilm dargestellt. In „Zoolander 2“ wird er angeschossen, hebt aber im Moment des Ablebens noch einmal das Handy – und sendet seinen Fans ein Selfie.

All das muss noch nicht das Ende der Trauer bedeuten. Vielleicht bauen wir zu noch lebenden und kommenden Idolen sogar eine noch stärkere Bindung auf,wenn andere sterben. Zugegeben: ein sehr schwacher Trost nach dem vergangenen Jahr.

Diese Prominenten sind 2016 gestorben:

  • 04.01. Achim Mentzel (69), Stimmungskanone und Schlagersänger
  • 04.01. Maja Maranow (54), Schauspielerin („Ein starkes Team“)
  • 10.01. David Bowie (69), Rockmusiker („Heroes“)
  • 14.01. Alan Rickman (69), britischer Schauspieler („Harry Potter“)
  • 31.01. Wolfgang Rademann (81), TV-Produzent („Das Traumschiff“)
  • 07.02. Roger Willemsen (60), Bestsellerautor, Moderator
  • 19.02. Harper Lee (89), Schriftstellerin („Wer die Nachtigall stört“)
  • 19.02. Umberto Eco (84), Schriftsteller („Der Name der Rose“)
  • 23.02. Peter Lustig (78), Moderator („Löwenzahn“)
  • 11.03. Keith Emerson (71), Keyboarder - Emerson, Lake and Palmer
  • 18.03. Guido Westerwelle (54), Ex-Außenminister
  • 24.03. Roger Cicero (45), Jazz- und Popmusiker
  • 31.03. Hans-Dietrich Genscher (89), Ex-Außenminister
  • 31.03. Imre Kertesz (86), Literaturnobelpreisträger
  • 07.04. Hendrikje Fitz (54), Schauspielerin („In aller Freundschaft“)
  • 19.04. Karl-Heinz von Hassel, Schauspieler (Ex-„Tatort“-Kommissar)
  • 21.04. Prince (57), Popmusiker („Purple Rain“, „Kiss“)
  • 30.04. Uwe Friedrichsen (81), Schauspieler („Schwarz Rot Gold“, „Sesamstraße“)
  • 15.05. Erika Berger (76), Buchautorin, Moderatorin („Eine Chance für die Liebe“)
  • 18.05. Fritz Stern (90), Historiker
  • 31.05. Rupert Neudeck (77), Journalist und Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur
  • 03.06. Muhammad Ali (74), Boxlegende
  • 19.06. Götz George (77), Schauspieler/„Tatort“-Kommissar Schimanski
  • 27.06. Bud Spencer (88), Schauspieler („Vier Fäuste für ein Halleluja“)
  • 02.07. Elie Wiesel (87), Friedensnobelpreisträger
  • 24.08. Walter Scheel (97), Ex-Bundespräsident („Hoch auf dem gelben Wagen“)
  • 29.08. Gene Wilder (83), Schauspieler („Charlie und die Schokoladenfabrik“)
  • 16.09. Edward Albee (88), Dramatiker („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“)
  • 25.09. Hans Korte (87), Schauspieler („Der König von St. Pauli“)
  • 28.09. Schimon Peres (93), Friedensnobelpreisträger
  • 13.10. Bhumibol Adulyadej (88), thailändischer König
  • 13.10. Dario Fo (90), Literaturnobelpreisträger
  • 21.10. Manfred Krug (79), Schauspieler („Tatort“, „Liebling Kreuzberg“)
  • 02.11. Oleg Popow (86), Clown
  • 11.11. Leonard Cohen (82), Sänger und Songschreiber
  • 25.11. Fidel Castro (90), Ex-Präsident Kubas
  • 08.12. Hildegard Hamm-Brücher, FDP-Politikerin
  • 18.12. Zsa Zsa Gabor, Schauspielerin
  • 24.12. Rick Parfitt, Rockmusiiker („Status Quo“)
  • 25.12. George Michael (53), Popmusiker