Berlin

Weihnachten für Wiedereinsteiger

Selbst Verweigerer sehen neuen Sinn in den Feiertagen. Sie finden ihren eigenen Weg, das Fest zu beleben

Berlin. Die Strahlkraft von Weihnachten ist ungebremst: Laut Umfrage des Instituts Yougov lieben 64 Prozent der Deutschen das funkelndste aller Feste. 25 Millionen Tannen stellen sie sich in die Wohnzimmer, 280 Euro geben sie durchschnittlich für Geschenke aus – Tendenz steigend.

Wer Erfolg hat, wird kritisiert. Zu konsumorientiert, zu hektisch, und die religiöse Bedeutung gehe verloren, lauten die Vorbehalte gegen das Fest. Dennoch: Die Zahl der Weihnachts-Totalverweigerer ist gering, Forscher schätzen sie auf fünf Prozent. Lieber probieren Kritiker neue Wege aus, das Fest zu feiern. „Die Leute experimentieren heute eher, weil sie oft nicht mehr so verwurzelt sind“, sagt Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun. Und manch einer, der sich dem Fest jahrelang entzogen hat, wird „rückfällig“.

Spontan statt ritualisiert

So wie Eva Jung. Die 48-Jährige ist engagierte Christin, berät mit ihrer Kommunikationsagentur Kirchen. „Ich habe im Fernsehen eine Umfrage auf einem Weihnachtsmarkt gesehen. Viele Leute kannten den Ursprung des Festes nicht. Das fand ich schrecklich.“ Als Teenager schon war sie enttäuscht, als ihr Vater bei der Bescherung einen 50-DM-Schein für sie aus der Geldbörse zog. „Weihnachten erschien mir zunehmend oberflächlich und unecht. Als ich von zu Hause auszog, habe ich beschlossen, da nicht mehr mitzumachen.“ Mit ihrem Mann fand die Hamburgerin einen Gleichgesinnten. „Meist blieben wir daheim, ließen die Pyjamas an, bestellten Pizza und spielten hemmungslos Playstation.“ Vor zwei Jahren dann besuchten sie doch wieder die Kirche zu Heiligabend. Spontan luden sie Gestrandete und Einsame zu sich ein, improvisierten ein Essen: „Das war toll.“ Letztes Jahr feierten sie bei einer Familie mit Kindern. Dort standen Kreativität und Zwanglosigkeit statt Konsum und Ritualen im Vordergrund. „Da haben wir erlebt: Man kann sich seine eigene Tradition schaffen, statt eine zu übernehmen.“

Für den Soziologen Sacha Szabo legitimiert sich Weihnachten längst als Anlass selbst, auch ohne religiöse Bedeutung. „Heute geht es vielmehr darum zusammenzurücken, Zeit als Familie oder Wahlfamilie zu verbringen.“ Forscherin Braun sieht es ebenfalls positiv, dass auch Menschen ohne Glauben Weihnachten feiern. Von den vielen zeitlosen Bräuchen gehe eben eine universelle Faszination aus. „Brauchtum kommt von brauchen, und die Menschen benötigen das Gefühl von Sicherheit und Struktur, das ihnen Rituale vermitteln, gerade in unsicheren Zeiten.“ Sie erlebe, dass ihre Studenten große Anstrengungen unternähmen, um ihre oft verstreuten Familien zu sehen. Rituale werden in einer Überflussgesellschaft allerdings schnell übersteigert: Geschenke würden teurer, Dekoration knalliger, Weihnachtsmärkte voller, beobachtet Braun.

Da wollte Maria Glatz aus Graz nicht mehr mitmachen: „Mein Sehsinn war permanent überfordert.“ Als die Kinder aus dem Haus waren, beschloss die 50-Jährige, sich aus dem Trubel auszuklinken. „Ich lebe im Einklang mit der Natur, und die fährt im Dezember herunter. Nur die Menschen drehen auf.“ Statt „verbissen Geschenke zu jagen“, engagiert sich die Bankerin im Umsonst-Laden. Ansonsten nutze sie die Zeit, in der keiner Zeit habe, zur Besinnung und Bilanz. „Das Fest ist mein persönlicher Freiraum.“

Und die Totalverweigerer? „Ich stelle mir die etwas verbittert vor“, sagt Braun. „Man kann dem Fest ja kaum entkommen. Es sei denn, man fliegt in den Süden.“ Immerhin 48 Prozent der Deutschen gefällt der Gedanke. „Weihnachten ist Hochsaison für Ziele wie Kanaren, Thailand, Ägypten oder Dubai“, sagt TUI-Sprecherin Kathrin Spichale. Doch auch unter Palmen lässt sich die Sehnsucht nach dem Fest nicht einfach abhängen. Spichale: „Die Galafeiern im Hotel an Heiligabend werden von den Gästen sehr gut angenommen.“