Madrid

Betrug mit der Barmherzigkeit

| Lesedauer: 4 Minuten
Von Ralph Schulze

Eltern gaben ihre Tochter Nadia (11) als todkrank aus und verprassten eine Million Euro Spenden

Madrid. Die Geschichte der 11-jährigen Nadia, die angeblich an einer lebensgefährlichen Krankheit leidet, rührte ganz Spanien zu Tränen. Hunderttausende Euro an Spenden gingen auf dem Bankkonto des Vaters ein, um der Familie bei einer teuren ärztlichen Behandlung im Ausland zu helfen. Die rührselige Geschichte hatte nur einen Fehler – sie war erfunden und diente vor allem dazu, das Mitleid der Mitmenschen zu Geld zu machen. Nun werden die Eltern des Betrugs beschuldigt, und ihnen wurde das Sorgerecht für Nadia entzogen. Die Nation ist empört, wie die Familie das Kind ausbeutete, um groß abzukassieren.

Spanische Fernsehsender, Zeitungen und Prominente halfen heftig mit, damit Nadia, die mit ihren Eltern in dem kleinen katalanischen Bergdorf Fígols wohnte, überleben sollte. „Wenn sie nicht in Kürze operiert wird, muss sie sterben“, lautete die erschütternde Botschaft, die von den Eltern über alle Kanäle verbreitet wurde. Eine sündhaft teure Operation in den USA sei notwendig, um das Leben des Mädchens zu retten.

Die Spanier zeigten sich in diesen Adventstagen sehr großzügig: Mehr als 150.000 Euro sollen binnen vier Tagen auf dem Familienkonto eingegangen sein. Doch dies war nur einer von vielen Hilfsappellen, die Nadias Eltern gestartet hatten. Seit acht Jahren baten sie in der Öffentlichkeit und den sozialen Netzwerken um Geld, um mit ihrer Tochter Fachärzte in aller Welt aufsuchen und medizinische Behandlungen finanzieren zu können. Nach den bisherigen Ermittlungen sind insgesamt annähernd eine Million Euro für Nadia gespendet worden.

Alle Geldgeber fühlen sich getäuscht

Einige Schilderungen des Vaters klangen freilich abenteuerlich: Etwa, dass er mit seiner Tochter sogar nach Afghanistan gereist sei, um „mit Nadia auf den Armen, im Bombenhagel und unter Gewehrfeuer“ einen Wunderheiler aufzusuchen, der in einer Höhle in den afghanischen Bergen lebte. Oder dass auch der frühere US-Vizepräsident Al Gore Anteil an der Geschichte genommen und bei der Familie zu Hause angerufen habe, um dem Vater zu sagen: „Sie sind ein Held.“ Einigen Bloggern und Journalisten kamen diese fantasiereichen Schilderungen dann doch ziemlich spanisch vor. Sie überprüften die Angaben der Familie und kamen jetzt zu einem Ergebnis, das ganz Spanien schockte: Dass es sich bei der rührseligen Geschichte um eine „fiktive Erzählung“ handelt, wie es Spaniens größte Tageszeitung „El País“ nannte, hätte keiner für möglich gehalten.

Nadia leidet zwar offenbar an einer seltenen genetisch bedingten Krankheit namens Trichothiodystrophie, die unter anderem dermatologische Pro­bleme verursachen kann. Aber nach dem Stand der Dinge scheint die Entwicklung im Falle des Mädchens nicht lebensbedrohlich zu sein. Die teuren Besuche und Operationen bei Spezialisten in den USA, Frankreich und Afghanistan haben jedenfalls nie stattgefunden.

Die Eltern Nadias verprassten nach den polizeilichen Untersuchungen einen Großteil der Spenden, um ihr Luxusleben zu finanzieren. Unter anderem wurde im Haus der Familie eine teure Uhrensammlung gefunden.

Ein Amtsarzt untersucht nun die tatsächliche medizinische Situation des Mädchens. Und der Vater Nadias, der wegen Betrugs bereits vorbestraft ist, sitzt in Untersuchungshaft.

Alle Geldgeber fühlen sich getäuscht. „Der Schaden, den dieser Fall Verbänden zufügt, die auf Spenden zur Erforschung seltener Krankheiten angewiesen sind, ist kaum abzusehen“, klagte Abraham de Peñas im spanischen Rundfunk. Peñas ist Vorsitzender des Verbands für das Poland-Syndrom, eine weitere seltene Krankheit.

Für solche Krankheiten haben die großen Pharmakonzerne in der Regel keinen Etat, weil sich die Investitionen nicht rentieren, umso wichtiger sind Spenden.