München

Der FC-Bayern-Erpresser gesteht

Ein ehemals berüchtigter Bankräuber drohte dem Verein mit einem Anschlag und forderte drei Millionen Euro

München. Es ist womöglich der Anfang vom Ende einer beispiellosen Gangsterlaufbahn. Auf dem Höhepunkt seines kriminellen Schaffens nannten Zeitungen ihn „Deutschlands erfolgreichsten Bankräuber“. Jetzt steht Harald Zirngibl wieder vor Gericht: Der ehemalige „Besenstielräuber“, der bei seinen Diebestouren die Türen mit dem Besenstiel verschloss, hat versucht, den FC Bayern München zu erpressen. Das gibt er zum Prozessauftakt vor dem Landgericht München I zu: „Mir ist es ein Rätsel, wie ich auf so eine dumme Idee kommen konnte, wieder eine Straftat zu begehen.“

Dass Harald Zirngibl im Alter von 64 Jahren wieder vor Gericht steht, ist auch ein Eingeständnis: Dass nämlich er, der in den 90er-Jahren nach einer Serie von Banküberfällen deutschlandweit Bekanntheit erreichte, seine zweite Chance vertan hat.

Sieben Jahre nach seiner Haftentlassung sei er in einer prekären finanziellen Situation gewesen – so zumindest schildert Zirngibl es gestern vor Gericht: Als im Januar sein Arbeitslosengeld ausgelaufen war, verfügte er über kein Einkommen mehr. „Es ging mir auch um die Altersvorsorge. Man hört so viel von Altersarmut.“ Also versuchte er erneut, auf kriminelle Weise sein Einkommen aufzustocken. Am 9. Februar ging beim FC Bayern München ein Erpresserschreiben mit diffusen Terrordrohungen ein. „Die Gefahr lauert immer und überall“, stand darin. „Vielleicht wird da auch mal eine ferngesteuerte Drohne über dem Parkplatz kreisen.“ Der damals noch unbekannte Erpresser forderte drei Millionen Euro, die ihm der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und der damalige Sportvorstand Matthias Sammer überbringen sollten: eine Million in 500-Euro-Scheinen, eine Million in 1000-Franken-Scheinen und „den Rest in Diamanten“. Ihm hätten auch 250.000 bis 300.000 Euro gereicht, um seine Zukunft zu finanzieren, erklärt Zirngibl vor dem Landgericht – „die 20 bis 25 Jahre, die ich noch lebe“. Aber da es sich um den FC Bayern gehandelt habe, habe er gedacht, dass er sich mit diesem Betrag lächerlich mache, „dass ich nicht ernst genommen werde“. Am 15. Februar erreichte den Fußball-Rekordmeister ein zweiter Brief. Offenbar hatte Zirngibl gelesen, dass 500-Euro-Scheine eingestampft werden sollen – nun verlangte er 200-Euro-Scheine. Der Verein schaltete jedenfalls die Polizei ein, die dem hochkriminellen Erpresser schnell auf die Schliche kam. Bei einem vermeintlichen Übergabeversuch auf einem Parkplatz in Niederbayern wurde Zirngibl festgenommen. Dabei schien der ehemalige Bankräuber resozialisiert.

Bei 17 Überfällen überwiegend in und um München hatte er zwischen 1992 und 1998 4,75 Millionen Mark erbeutet. Insgesamt nahm er 73 Geiseln. Weil er sie häufig in Toiletten und Putzräumen einschloss und die Tür mithilfe eines Besens versperrte, verpasste die Presse ihm seinen Spitznamen: „Besenstielräuber“. Zirngibl gab sich stets höflich, während er die Angestellten mit einer echt aussehenden Gaspistole bedrohte, er sagte „bitte“ und „danke“. Nie wurde eine Geisel verletzt. Dazu sein sanfter bayerischer Dialekt und seine freundlich wirkenden Augen – Zirngibl hat in Interviews erzählt, dass er stolz ist auf seine guten Manieren.

Bei seinen Überfällen ergaunerte er häufig Beträge im sechsstelligen D-Mark-Bereich. Mit dem Geld finanzierte er sich ein Luxusleben. Zirngibl fuhr schöne Autos, zog nach Marbella und flog für seine Überfälle nach Deutschland ein, wenn ihm das Geld ausging. Der gelernte Industriekaufmann ging meist nach dem gleichen Muster vor: Bevor die Banken öffneten, brachte er die Angestellten in seine Gewalt, fesselte sie, sperrte sie ein und plünderte die Tresore. Viele Geiseln beschrieben Zirngibl hinterher als „äußerst höflich“. Schwangeren und alten Frauen bot er einen Sitzplatz an.

Ihm droht einLebensabend hinter Gittern

Als ein Gericht ihn nach seiner Festnahme 1999 schuldig sprach, verzichtete der Vorsitzende Richter auf eine Sicherungsverwahrung. Die Begründung: Nach Verbüßen der Haft werde Zirngibl in einem Alter sein, in dem er wahrscheinlich keine Banküberfälle mehr verüben werde. 2009 wurde er nach zehn Jahren vorzeitig entlassen. Er sei tatsächlich geläutert gewesen, sagt Zirngibl. Er zog zu seinem betagten Vater und veröffentlichte ein Buch über sein bewegtes Leben: „Ich war der Besenstielbankräuber: Mein gescheiterter Traum“. Außerdem versuchte er sich als Erotikkünstler. Die Idee dazu hatte er im Gefängnis: Weil es ihm so schwer gefallen sei, auf die Gesellschaft von Frauen zu verzichten, habe er angefangen, Skulpturen von Frauenkörpern herzustellen. Erfolg hatte er damit ebenso wenig wie bei seinem Versuch als Exporteur von Würstchen in die Türkei.

Im Rückblick, sagt Zirngibl, könne er sich seine versuchte Erpressung selbst nicht erklären. Schließlich sei er ja schon im Gefängnis gewesen. „Ich habe diese Zeit offensichtlich verdrängt.“ Jetzt drohen ihm 15 Jahre Haft. Angesichts seiner Vorgeschichte wird er womöglich den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Es wäre der Schlusspunkt einer so spannenden wie verwerflichen kriminellen Karriere.