Erdbeben

Wenn Moscheen in Indonesien zu Schutt und Geröll zerfallen

Mindestens 100 Menschen sind in dem Erdbeben in Indonesien getötet worden. Viele Familien suchen in den Trümmern nach ihren Verwandten.

Diesmal hielten die Moscheen den Erdstößen nicht stand.

Diesmal hielten die Moscheen den Erdstößen nicht stand.

Foto: Hotli Simanjuntak / dpa

Singapur.  Der Alptraum rüttelte die Bewohner der indonesischen Provinz Aceh am frühen Morgen um fünf Uhr und drei Minuten aus den Betten. Familien rafften hastig ein paar Kleider zusammen und rannten nach dem Erdbeben der Stärke 6,5 zu den höher liegenden Fluchtpunkten, die seit dem verheerenden Erdbeben von 2004 und dem folgenden Tsunami überall auf der Halbinsel eingerichtet worden waren.

Noch am Mittwochnachmittag versuchten die Behörden immer wieder, eine auftauchende Tsunami-Panik in der Provinzhauptstadt Banda Aceh zu beruhigen. „Wir rufen die Bewohner auf, nicht auf Gerüchte über einen Tsunami zu hören“, erklärte Erdiwati, Leiter der Bebenstation in Mata Le, „das Beben passierte auf dem Festland und kann deshalb keine Welle auslösen.“ Die befürchtete Flutwelle blieb aus.

Beben hat starke Auswirkungen in einzelnen Gebieten

Doch für die Bewohner des Distrikts Pidie Jaya an der Nordostküste rund 110 Kilometer von der Provinzhauptstadt Banda Aceh entfernt hatte das Beben schlimmere Folgen als die Naturkatastrophe von 2004, die vor allem die Westküste in Schutt und Asche legte. „Ich habe das Beben stärker gespürt als 2004“, erklärte ein Bewohner des Erdbebengebiets dem britischen Sender BBC.

Indonesien Militärführung teilte mit, dass 97 Tote geborgen worden waren. Es gab zudem Dutzende von Vermissten und weit über 100 Verletzte. Die Zahl der Opfer könnte noch steigen, weil im ganzen Distrikt weiter nach Überlebenden gesucht wird.

Laut einem Sprecher von Indonesiens Katastrophenschutz wurden über 200 Geschäfte in der Gegend um die Stadt Meureudu zerstört. Ein Krankenhaus und eine Schule wurde schwer beschädigt. Patienten wurden nach dem Beben auf einfachen Matratzen unter freiem Himmel behandelt.

Viele Tote nach Erdbeben in Indonesien
Viele Tote nach Erdbeben in Indonesien

Standhafte Moscheen sorgten 2004 für Hinwendung zum Islam

Die Mauern von 14 Moscheen waren zu schwach für das Beben und zerbröselten wie lockere Erde. Bei dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami im Jahr 2004, der in Aceh allein 160.000 Tote forderte und rund um den Indischen Ozean insgesamt 230.000 Menschen das Leben kostete, hatten viele Moscheen den Erschütterungen und Wellen standgehalten. Die Folge war ein Bauboom islamischer Gotteshäuser und stärkere Hinwendung der Bewohner Acehs zur Religion.

Gegenwärtig ist die Provinz die einzige Region der 250 Millionen überwiegend islamischen Demokratie, in der Scharia praktiziert wird. Es gibt öffentliche Auspeitschungen für Verstöße gegen Moralvorschriften und die Regeln werden selbst auf nicht-muslimische Bewohner der „Terrasse Mekkas“ angewendet. Die Region heißt so, weil in Aceh einst die ersten arabischen Händler aus Afrika und dem Nahen Osten Fuß auf das heutige Indonesien setzten.

Bewohner vertrauen den Tsunami-Frühwarnsystemen nur bedingt

Nach der Naturkatastrophe am zweiten Weihnachtstag des Jahres 2004 war Aceh tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, bis die Regierung in der Hauptstadt Jakarta einen Überblick über das immense Ausmaß der Schäden hatte. Das Erdbeben vom Mittwoch war zwar in vielen Regionen von Aceh zu spüren. Auch Lokhseumawe, ein Schwerpunkt der Erdöl- und Gasförderung in der Provinz, wurde heftig durchgeschüttelt. Aber die schwersten Schäden scheinen sich auf die Nordostküste Acehs und den Distrikt Pidie Jaya zu beschränken.

Dennoch alarmierte das Beben, das wie beim Tsunami im Jahr 2004 durch unterirdische Spannungen in Südostasiens sogenanntem Feuerring mit Dutzenden von Vulkanen lokalisiert war, Küstenbewohner in der gesamten Region. Sie setzen nicht auf die Frühwarnsysteme, die teilweise mit westlicher Hilfe in den betroffenen Meeren aufgebaut worden waren. Statt dessen klingeln nach jedem Beben in dem Gebiet Tausende von privaten Mobiltelefonen von Küstenbewohnern.+

Sie haben während der vergangenen zwölf Jahre über ein loses aber engmaschiges Netzwerk von privaten Kontakten und Fischkutterbesatzungen geknüpft, die sich untereinander alarmieren. Die Katastrophe von 2004 lebt immer noch in allen Köpfen und selbst ein regional begrenztes Beben wie beim gestrigen Beispiel löst in ganz Südostasien Alarm aus.