Traunstein

Fahrdienstleiter muss ins Gefängnis

| Lesedauer: 4 Minuten
Jonas Erlenkämperund Paul Winterer

Dreieinhalb Jahre Haft für den Bahnmitarbeiter, der das Zugunglück von Bad Aibling verursacht hat

Traunstein. Der Mann, der verantwortlich ist für eine der größten deutschen Zugkatastrophen, hat sich unter Kontrolle. Nicht die geringste Regung zeigt der 40-Jährige, als der Vorsitzende Richter Erich Fuchs „im Namen des Volkes“ sein Urteil verkündet: dreieinhalb Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen. Der angeklagte Fahrdienstleiter steht hinter der Anklagebank und starrt ins Leere.

Zehn Monate nach dem Unglück hat die strafrechtliche Aufarbeitung des Zusammenstoßes von Bad Aibling ein vorläufiges Ende gefunden. Im Landgericht Traunstein fasst der Richter die Fehlerkette des Fahrdienstleiters zusammen. Beinahe eine Stunde dauert die Urteilsbegründung. Fuchs arbeitet heraus, dass der Bahnmitarbeiter nie und nimmer im Dienst auf seinem Handy das Fantasy-Rollenspiel „Dungeon Hunter 5“ hätte spielen dürfen – die Deutsche Bahn verbietet Fahrdienstleitern die private Nutzung von Smartphones im Dienst. „Er war gedanklich in diesem Spiel fixiert, er war gedanklich gefangen“, so Fuchs. Dadurch sei der Mann in seiner Konzentration und Aufmerksamkeit erheblich beeinträchtigt gewesen.

Zwölf Menschen starben, 89 wurden teils lebensgefährlich verletzt, als in dem oberbayerischen Kurort am 9. Februar zwei Regionalzüge auf eingleisiger Strecke zusammenstießen. Die Große Strafkammer ist überzeugt, dass die verbotene Spielerei auf dem Handy für die vielen Fehler des Mannes mitverantwortlich war: Erst verlegte er die Kreuzung der Züge in einen anderen Bahnhof als im Fahrplan vorgesehen, dann setzte er mehrere Signale falsch. Vor allem aber hätte er das sogenannte Sondersignal Zs1 nicht stellen dürfen, das alle Sicherungseinrichtungen der Bahn bei unvorhergesehenen Ereignissen außer Kraft setzt.

Als er den fatalen Fehler bemerkte, drückte er beim Auslösen des Notrufes auch noch die falsche Taste. „Das hätte er beherrschen müssen“, betont der Richter. Der Alarm kam wegen des Fehlers nicht in den Zügen an, die Kata­strophe war unausweichlich.

Fuchs betont, dass das Gericht den gebürtigen Rosenheimer für einen „zuverlässigen, pünktlichen und dienstlich vorbildlichen Mitarbeiter“ hält. „Das ist kein schlechter Mensch, er ist kein Krimineller, er ist natürlich auch selbst Opfer, aber er ist in erster Linie Opfer seiner eigenen Spielleidenschaft geworden.“

Opfer wollen dieDeutsche Bahn verklagen

Doch das Gericht wertet es als gravierend, dass der Fahrdienstleiter schon in den Wochen vor dem Unfall während der Arbeit das Handyspiel gespielt hatte – mit steigender Intensität und obwohl er eine große Verantwortung für Züge und Fahrgäste getragen habe. In dieser Zeit sei zwar nichts passiert. Trotzdem habe er die Reisenden einem hohen Risiko ausgesetzt.

Oberstaatsanwalt Jürgen Branz äußert sich erleichtert, „dass dieser Prozess jetzt ein Ende gefunden hat. Er war doch für alle Beteiligten sehr belastend“. Die Anklage hatte vier Jahre Haft gefordert.

Die Deutsche Bahn muss sich auf Schadenersatzklagen von Opfern und Hinterbliebenen einstellen. Während des Prozesses wurde bekannt, dass die Bahn auf der Unglücksstrecke seit mehr als 30 Jahren veraltete Signaltechnik einsetzt. Eine Vorschrift von 1984, zusätzliche Anzeigen zu installieren, war nicht umgesetzt worden, wie ein Experte des Eisenbahn-Bundesamtes aussagte. Die Bahn muss dies aber nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten tun. „Wir werden jetzt anfangen, die zivilrechtlichen Ansprüche durchzusetzen“, sagt einer der Nebenklageanwälte nach dem Urteil. Dabei werde es vor allem um technische Fragen gehen. Außerdem wünschten sich alle, dass die Deutsche Bahn Fehler eingestehe und sich entschuldige. „Das ist den Hinterbliebenen und Opfern sogar sehr wichtig.“

Richter Fuchs lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass die alleinige Verantwortung für das Zugunglück beim Fahrdienstleiter liegt. Die Technik im Stellwerk von Bad Aibling sei fehlerfrei gewesen. „Der Zusammenstoß erfolgte nur deshalb, weil der Angeklagte in diese funktionierende Technik selbst eingegriffen hat.“

( mit dpa )

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