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Warum die Masern in Deutschland nicht ausgerottet werden

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Caroline Rosales

Foto: dpa Picture-Alliance / Uwe Zucchi / picture alliance / dpa

Sechsjährige starb an Spätfolgen einer Masernerkrankung: Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts warnt vor Impflücken in der Bevölkerung.

Bad Hersfeld.  Nach Silvester sollte Aliana einen neuen Kindergarten besuchen, nach Weihnachten im Kreise der Familie. Doch zu all dem wird es nicht mehr kommen. Das sechsjährige Mädchen aus Bad Hersfeld in Hessen ist vergangenen Donnerstag an den Spätfolgen einer Masernerkrankung gestorben. Aliana litt an der chronischen Masern-Gehirnentzündung SSPE, die eine Spätfolge einer Maserninfektion ist und immer tödlich verläuft. Masernviren zerstören dabei die Nervenzellen im Gehirn.

Traurig und beunruhigend ist Alianas Fall. Beunruhigend wegen der Tatsache, dass Deutschland als eines der wenigen westeuropäischen Länder gilt, die laut eines aktuellen Berichts beim Kampf gegen Masern nicht vorankommen. Deutschland sei im vergangenen Jahr so weit von der Ausrottung der Krankheit entfernt gewesen wie lange nicht, schreibt die Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln am Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Report. Dieser ist an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerichtet.

2015 gab es 2464 Masernfälle in Deutschland

Das Jahr 2015 war demnach von großen Masernausbrüchen geprägt, den größten gab es in Berlin. Gemeldet wurden insgesamt 2464 Masernfälle, im Jahr zuvor waren es 442. Die Fallzahl schwankt von Jahr zu Jahr stark. Und die Experten gehen davon aus, dass nicht alle Fälle erfasst werden. Für eine Ausrottung der Masern hätte es weniger als einen Fall pro eine Million Einwohner geben dürfen, also nur rund 80 Fälle oder weniger in Deutschland. Der gesamte amerikanische Kontinent hingegen wurde Ende September als frei von Masern erklärt.

Das Problem hierzulande: Hoch ansteckende Krankheiten wie Masern können nur ausgerottet werden, wenn mehr als 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. In Deutschland haben derzeit nur knapp 93 Prozent die notwendigen zwei Masernimpfungen erhalten. „Dass die Krankheit der Masern sich weiterverbreitet, ist furchtbar überflüssig. Der Fall Aliana ermahnt uns, dass wir Todesfälle bei Masern nur durch eine hohe Durchimpfungsquote vermeiden können“, sagt der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery dieser Redaktion.

Die Zahl der impfkritischen Eltern wächst

Masern waren bis zur Einführung der Impfung als Kinderkrankheit weitverbreitet. Die von Viren ausgelöste Krankheit ist hoch ansteckend. Sie beginnt mit Schnupfen, Husten und Fieber, bevor ein charakteristischer roter Hautausschlag hinzukommt. Wer sie einmal durchmacht, wird dagegen immun. Allerdings können Masern sehr schwere Folgeerkrankungen hervorrufen. Gefürchtet ist die Masern-Gehirnentzündung SSPE, die sich wie im Fall von Aliana erst nach Jahren bemerkbar macht.

Die verstorbene Sechsjährige war mit drei Monaten an Masern erkrankt. Ihre Mutter Mirella Kunzmann konnte ihr den sogenannten Nestschutz, bei dem Mütter ihre Antikörper auf ihr Ungeborenes übertragen, nicht bieten, weil sie selbst nicht geimpft war. Säuglinge dürfen in Deutschland nämlich erst ab neun Monaten gegen Masern geimpft werden. Diese würden laut Bundesärztekammer-Chef Montgomery dann von der sogenannten Herdenimmunität profitieren, also davon, dass alle anderen Kinder in ihrer Umgebung geimpft sind. „Impfen ist das kleinste Risiko.

Drei bis fünf Prozent der Bürger gegen Impfungen

Studien, laut denen die Masernimpfung hohe Nebenwirkungen haben, sind heute alle widerlegt“, sagt Montgomery. Dennoch wächst die Gruppe der Impfgegner in Deutschland stetig. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass drei bis fünf Prozent der Bundesbürger Impfungen ablehnen. Auf einer der Webseiten, auf denen sich die Impfgegner gegenseitig bestärken, heißt es zum Beispiel: „Der Medienrummel um die an SSPE erkrankten Kinder dient ausschließlich der Impfpropaganda.“

Eine, die sich auf diesen Seiten auskennt, ist Diplompsychologin Jana H. (Name geändert) aus Berlin-Mitte. Keine ihrer drei Töchter im Alter von drei bis zehn Jahren ist geimpft. „Meiner Meinung nach ist es für ihre Entwicklung wichtig, dass Kinder Erkrankungen durchmachen“, sagt sie. Ihre Älteste habe nach ihrer Windpockenerkrankung sogar einen richtigen Sprung gemacht. „Bisher konnten Studien nicht belegen, dass sich nicht geimpfte Kinder besser entwickeln“, argumentiert das Robert-Koch-Institut dagegen. Die verfügbaren Schutzimpfungen richteten sich gegen rund ein Dutzend besonders gefährliche Erreger – mit Hunderten weiteren müsse sich das Immunsystem auseinandersetzen.

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