Kino-Legende

Tragisch oder komisch – Meryl Streep trifft jede Tonlage

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Der Film „Florence Foster Jenkins“ mit Meryl Streep und Hugh Grant ist derzeit im Kino zu sehen

Der Film „Florence Foster Jenkins“ mit Meryl Streep und Hugh Grant ist derzeit im Kino zu sehen

Foto: Constantin Film

Filmstar Meryl Streep kann alle(s) spielen. Auch die schlechteste Sängerin der Welt: Florence Foster Jenkins. Gibt’s den vierten Oscar?

Washington.  Auf dem Grabstein der Dame, der Meryl Streep gerade im Kino ihre hochdekorierten Fähigkeiten leiht, steht ein ausgesprochen melodiöser Satz. „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann sagen, dass ich nicht gesungen hätte.“ Florence Foster Jenkins hat ihn gesagt. Die Tochter eines reichen Bankdirektors aus Pennsylvania konnte wirklich nicht singen. Das aber mit unstillbarer Leidenschaft.

Ihre unzähligen Verstöße gegen Töne und Tempi, ihre stupende Unmusikalität und Unbegabung gehören für Klassik-Liebhaber bis heute zu den Ikonen des schlechten Geschmacks. Akustischer Trash. Nach einem mühsam ertrotzten Auftritt 1944 in der New Yorker Carnegie Hall attestierten ihr die Kritiker den Gesang eines „besoffenen Kuckucks“. Vier Wochen später legte ein Herzinfarkt die Stimmbänder von Florence Fester Jenkins für immer still.

Meryl Streep bringt das Kino-Publikum zum Lachen

Bis Meryl Streep, Hollywoods unangefochtene Großschauspielerin und wandlungsfähigste Umsatzmaschine, sie wieder anwarf. Und wie. In dem gleichnamigen Film „Florence Foster Jenkins“ bringt die 67-Jährige ihr Publikum dazu, über die selbstverliebte, warmherzige Diva herzlich zu lachen, ohne dass „FFJ“ auch nur einmal lächerlich wirkt.

Sehr gut möglich also, dass die in Summit/New Jersey geborenen Mimin, die als Kind vorübergehend Operngesang studierte, auch dafür eine Oscar-Nominierung erhält. Es wäre ihre 20. Dreimal bekam sie schon das goldene Kerlchen. Weltrekord. Und Anlass, schon einmal nachzuzeichnen, welche außergewöhnliche Karriere sich mit dieser Frau verbindet, deren blassfeines Gesicht immer einen unerzählten Rest der Geschichten für sich behält, die es zu erzählen gilt.

Erster Oscar für „Kramer gegen Kramer“

Fast 40 Jahre ist es her, da zog eine ätherische Jüdin namens Inga Helms im Fernseh-Mehrteiler „Holocaust“ die Zuschauer erstmals in ihren Bann. Wie auch beinahe zeitgleich in Woody Allens „Manhattan“ und in Michael Ciminos Vietnamkriegsfilm „Die durch die Hölle gehen“. Zwei Jahre später zeigte Meryl Streep an der Seite von Dustin Hoffman in dem Scheidungs-Krieg „Kramer gegen Kramer“ ihre Fallhöhe im Tragikfach. Der erste Oscar war das verdiente Lob.

1982 dann der zweite Oscar-Streich für „Sophies Wahl“. Die Geschichte einer jungen Frau aus Polen, die das Nazi-KZ Auschwitz überlebt hat, und in Brooklyn an ihren Erinnerungen fast irre wird. Ihre Charakterstudie der resoluten Ich-will-mein-Geld zurück-Furie Margaret Thatcher in „Die Eiserne Lady“ endet 2011 mit Oscar Nr. 3. Ob komisch, tragisch, proletenhaft oder mondän – die Streep beherrscht so viele Genres, dass sie es in ihrer 40-jährigen Karriere zur preiswürdigsten Schauspielerin aller Zeiten gebracht hat. Und es neidet ihr niemand.

Unkompliziert und professionell

Meryl Streep, bei Kollegen wie Regisseuren wegen Unkompliziertheit und Professionalität geschätzt, gehört bis heute zu wenigen Superstars, die sich den Tratsch-und-Trutsch-Magazinen entziehen. Sie ist seit fast 40 Jahren mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet, hat vier erwachsene Kinder, keine Affären, Zusammenbrüche oder andere Privat-Dramen, von denen man wüsste, und auch sonst keine exzentrische Marotte, mit der man es im Zeitalter der Kardashians in die Schlagzeilen schafft. Dafür immer noch eine mädchenhafte Neugier, neue Charaktere bis in die letzte Faser in sich aufzusaugen. Inklusive Stimmbänder.

Dass Meryl Streep den Kopf nicht nur zum Haarewaschen hat (wundervoll, Robert Redford in „Jenseits von Afrika“), sondern immer wieder auch ihre sängerischen Fähigkeiten vor die Kamera gebracht hat, geht oft unter. Als Karen Silkwood lieferte sie in dem Umweltsünder-Polit-Thriller 1983 eine sopranistische A-capella-version von „Amazing Grace“, wie sie trister kaum sein kann. 2006 gab sie in Robert Altman „A Prairie Home Companion“ ein schmachtende Nashville-Diva. 2008 trällerte sie sich als Althippie text- und notensicher durch das Abba-Musical „Mamma Mia!“. In „Ricki and the Flash“ schließlich röhrte Meryl Streep wie Joan Jett als Rock-Gitarristin über die Bühne.

Und jetzt eben Florence Foster Jenkins. Die Streep kann singen. Falsch. Richtig. Egal. Einfach wunderbar.