Delmenhorst/Oldenburg

Ärzte sollen Mörder gedeckt haben

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Jonas Erlenkämper

Sechs ehemalige Kollegen aus dem Klinikum Delmenhorst ließen Pfleger Niels H. offenbar gewähren

Delmenhorst/Oldenburg.  Eine der größten deutschen Mordserien war offenbar noch dramatischer als bislang bekannt. Weil mehrere Kollegen ihn gewähren ließen, konnte der Pfleger und Serienmörder Niels H. (39) nach seiner Enttarnung weitertöten – davon ist die Staatsanwaltschaft Oldenburg überzeugt. Sie hat Anklage gegen sechs ehemalige Oberärzte, Stationsleiter und Pfleger des Delmenhorster Klinikums erhoben. Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeschuldigten drei Morde und zwei Mordversuche im Frühjahr 2005 hätten verhindern können. Die Mediziner und Pfleger hätten die Taten von Niels H. durch ihre Untätigkeit billigend in Kauf genommen, weil sie Angst um die Reputation der Klinik hatten. Außerdem wollten sie sich der Anklage zufolge nicht dem Vorwurf der falschen Verdächtigung aussetzen. Zunächst hatte der „Spiegel“ darüber berichtet.

Im Juni 2005 beobachtete eine Kollegin Niels H. dabei, wie er einem Patienten ein nicht angeordnetes Herzmedikament spritzte. Der Patient starb; die Klinik ließ sein Blut untersuchen, um die Injektion belegen zu können. Gerüchte hatte es in der Delmenhorster Klinik schon lange vorher gegeben. Wenn Niels H. Dienst hatte, häuften sich die Todesfälle. „Es gab immer wieder Hinweise“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Rüppell. „Sie waren aber nicht greifbar.“ Dabei hätten die Verantwortlichen der Anklage zufolge spätestens ab Mai 2005 einschreiten können: Nach der erfolglosen Reanimation eines Patienten wurden leere Ampullen des Herzmedikaments Gilurytmal im Spritzenabwurfbehälter gefunden. Dienst hatte einmal mehr Niels H.

Das Krankenhaus bliebtrotz Beweisen untätig

Als die Klinik durch die Zeugenaussage und die Blutuntersuchung schließlich Beweise hatte, blieb sie weiter untätig. Statt die Polizei einzuschalten und H. zu entlassen, ließ das Klinikum ihn bis zu seinem regulären Urlaub zwei Tage später weiterarbeiten. In seiner letzten Schicht tötete Niels H. offenbar noch eine Patientin mit dem Betablocker Sotalex. Er hat den Vorwurf eingeräumt.

Niels H. wollte ein Held sein. Indem er den Patienten tödlich wirkende Medikamente spritzte, versetzte er seine Opfer in einen lebensbedrohlichen Zustand. Anschließend versuchte er, sie zu reanimieren.

Wegen des Todesfalls im Juni 2005 und fünf weiterer wurde Niels H. später zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf massiven Druck von Angehörigen nahm die Staatsanwaltschaft Oldenburg die Ermittlungen gegen den Krankenpfleger wieder auf. Inzwischen geht die Behörde von weit über 30 nachgewiesenen Tötungsdelikten aus. Die Zahl der Opfer könnte sogar noch weiter steigen: Nach vielen Untersuchungen begrabener Patienten leitete die Staatsanwaltschaft mehr als 100 Ermittlungsverfahren gegen Niels H. ein.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßt die Anklage der Ex-Kollegen. „Es ist gut, dass jetzt ein Gericht entscheiden wird, ob Ignoranz strafbar ist“, sagt Vorstand Eugen Brysch. „Das wird Auswirkungen auf die Leitungsebenen in Krankenhäusern und Pflegeheimen deutschlandweit haben.“

Die hohe Todesrate während der Dienstzeiten des Pflegers hatte nicht nur in Delmenhorst für Getuschel gesorgt. Auch in einer Oldenburger Klinikum, wo Niels H. vorher arbeitete, gab es Gerüchte: Dort waren die Verdachtsmomente so stark, dass das Krankenhaus Niels H. loswerden wollte.
Seine Vorgesetzten schrieben ihm ein gutes Zeugnis, sodass er den neuen Job im 40 Kilometer entfernten Delmenhorst bei Bremen fand. Gegen die Verantwortlichen aus Oldenburg wird noch ermittelt. Staatsanwalt Rüppell: „Erst müssen wir alle Taten von Niels H. klären, bevor wir prüfen können, welche hätten verhindert werden können.“

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