London

Im Schloss bröckelt der Putz

Der Buckingham-Palast wird für 430 Millionen Euro renoviert. Die Bauarbeiten sollen zehn Jahre dauern

London. Die Fenster schließen nicht dicht, und es zieht. Und wenn das Wetter schlecht ist, muss das Personal schon mal Eimer aufstellen, um die Regentropfen von der Decke aufzufangen. Der Buckingham-Palast, die 1703 erbaute Londoner Residenz von Queen Elizabeth II., braucht dringend eine Generalüberholung, denn der Putz bröckelt. Seit den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind zum Beispiel die elektrischen Leitungen oder Wasserrohre nicht mehr modernisiert worden. Jetzt hat der Palast angekündigt, ab nächstem April ein umfassendes Renovierungsprogramm aufzulegen. Kostenpunkt: 369 Millionen Pfund, umgerechnet ca. 430 Millionen Euro. Der Palast wird zur Dauerbaustelle: Zehn Jahre etwa werden die Arbeiten dauern.

Die Aufgabe ist immens. Zehn Jahre lang wird die Gebäudesanierung dauern, aber zum Glück muss die Queen nicht ausziehen, denn es soll Flügel für Flügel abgearbeitet werden. Begonnen wird mit dem Ostflügel, den alle Welt als die Fassade des Palastes mit dem berühmten Balkon kennt. Dann renoviert man im Uhrzeigersinn weiter.

Rund 100 Meilen an elektrischen Kabeln müssen verlegt, gut 30 Meilen an Wasserrohren müssen ausgetauscht und 30.000 Quadratmeter Dielenbretter erneuert werden. Hinzu kommt die Modernisierung von 152 Toiletten, gut 2500 Heizkörpern und 6500 Steckdosen. Im Jahr 2025, freut sich Tony Johnstone-Burt, der „Master of the Queen’s Household“, habe man dann „einen Palast, der bis 2067 tipptopp ist“.

Um das ehrgeizige Projekt zu finanzieren, hat die Regierung der Queen kurzerhand eine satte Gehaltserhöhung gewährt. Sie erhält den sogenannten Sovereign Grant, der 15 Prozent der Profite der Kronbesitztümer ausmacht. Über die nächsten zehn Jahre soll sie 25 Prozent bekommen, also statt der bisherigen rund 40 Millionen künftig um die 70 Millionen Pfund im Jahr. Das ist eine Erhöhung von 66 Prozent. Kein Wunder, dass Protest laut wird.

„Der Gesundheitsdienst bricht zusammen, unsere Straßen wimmeln von wohnungslosen Jugendlichen, und Tausende Familien müssen sich von Tafeln ernähren“, donnerte der „Mirror“, ein eher republikanisch gesinntes Blatt. „Und da präsentiert uns die reichste Familie im Land eine Rechnung von 369 Millionen Pfund, um ihr Haus aufzubretzeln.“ Auch der Labour-Abgeordnete Alex Cunningham versteht nicht, dass in Zeiten der Sparsamkeit so viel Geld für die Royals da ist. „Die Königliche Familie hat einen riesigen Reichtum, und ich weiß nicht, welche Art von Selbstbeteiligung sie bei diesem Projekt macht.“ Eine Petition im Internet, die forderte „Zwingt die Royals zu zahlen“, konnte binnen 24 Stunden mehr als 50.000 Unterzeichner versammeln.

Proteste gegen die teure Modernisierung

Die Proteste laufen insofern ins Leere, weil der Buckingham-Palast, im Unterschied zu ihren privaten Residenzen wie Sandringham oder Balmoral, der Queen gar nicht gehört. Es ist ihr Amtssitz, den sie und andere Mitglieder der Königlichen Familie nutzen, um Empfänge zu geben und Gäste zu bewirten – immerhin im letzten Jahr rund 130.000 Menschen. Die Instandhaltung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ist keine Privatsache, sondern Aufgabe des Staates.

Allerdings ist der Ärger verständlich vor dem Hintergrund, dass im letzten Jahr noch das Preisetikett für ein zehnjähriges Renovierungsprogramm nur auf 150 Millionen Pfund veranschlagt wurde. Mit der Inflationsrate ist der fulminante Anstieg der Kosten nicht zu erklären.

Man habe einfach mehr und mehr Missstände entdeckt, die es zu reparieren gilt, heißt es. Der königliche Haushaltschef Tony Johnstone-Burt argumentierte, dass eine Renovierung billiger käme, weil man damit „einen viel teureren und katastrophalen Gebäudeschaden in den kommenden Jahren“ verhindern würde. Außerdem könne man nach der Renovierung den Palast für zahlende Gäste länger offen halten. Schon jetzt sind es rund 550.000 Besucher im Jahr, die es sich umgerechnet 27 Euro kosten lassen, um die Prunkräume zu besichtigen. In Zukunft sollen es wesentlich mehr werden.

Elizabeth (90) und ihr Ehemann Prinz Philip (95) müssen zwar nicht ausziehen, aber immer mal wieder die Zimmer wechseln. Auswahl gibt es genug: Der Palast zählt 775 Räume, allein 188 Zimmer für Angestellte und 78 Bäder. Für Touristen soll der Palast während der Renovierung geöffnet bleiben.