Tod

Darum werden Bestattungen von Toten immer ungewöhnlicher

Bestattungen werden exzentrischer: Tote werden in Urnen aus Fußballform oder unter Bäumen beerdigt – und manch einer wird zum Diamanten.

Bestattungen sollen zunehmend die Individualität der Toten widerspiegeln. In einem normalen Sarg will nicht jeder beerdigt werden.

Bestattungen sollen zunehmend die Individualität der Toten widerspiegeln. In einem normalen Sarg will nicht jeder beerdigt werden.

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Berlin.  Marina Botz nennt den glitzernden Stein auch: „Mein Schatz.“ Wenn sie ihn aus dem Regal nimmt, ins Licht hält, dann funkelt er. Die 36-Jährige zeigt den Diamanten häufig Freunden. Die sind dann verwundert, manche fragen nach dem Wert, und sie kann sagen: „0,42 Karat.“ Wenn Kinder zu Besuch sind, wollen sie wissen, ob das wirklich einmal ein lebender Mensch gewesen sei. „Es ist für mich ein durch und durch positiver Gegenstand“, sagt Marina Botz, „er hat nichts mit Friedhof oder einem schweren Grabstein zu tun.“

Die Moleküle, aus denen der Stein besteht, waren einmal Jürgen, ihr Freund, der mit 36 Jahren gestorben ist. Zusammen mit dessen beiden Geschwistern hat Marina Botz entschieden, dass ihr Lebensgefährte nicht in einem Grab auf einem Friedhof liegen soll. Sein Leben lang war Jürgen als Graffiti-Künstler unterwegs gewesen. Nach seinem Tod solle er weiterhin unterwegs sein.

Für 6000 Euro hat sie deshalb ein Unternehmen in der Schweiz beauftragt, aus der Asche des Mannes einen Diamanten zu pressen. Diamanten bestehen aus Kohlenstoff. Unter Hinzunahme von Graphit und hohem Druck kann man die Edelsteine herstellen.

Preiskampf unter Bestattern in Großstädten

In Deutschland ist diese Art des Umgangs mit der Asche eines Verstorbenen nicht nur unüblich, sondern auch verboten. Obwohl das Bestattungsrecht Ländersache ist, weichen die Regeln bundesweit kaum voneinander ab: Generell gibt es eine Pflicht zur Erdbestattung auf einem Friedhof, in einer Urne oder in einem Sarg.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich Riten rund um die Bestattung jedoch liberalisiert. Wer Ungewöhnliches will, muss eine Bestattung im Ausland beantragen, die allerdings meist problemlos genehmigt wird.

Bestatter müssen Wege finden, die zunehmend exzentrischen Wünsche der Kunden zu erfüllen. Dazu gehören nachhaltig produzierte Särge, Urnen, die etwas mit dem Lebensstil der Verstorbenen zu tun haben – etwa in Form eines Berggipfels für Wanderfreunde oder einer Urne in Fußballform. Oder auch eine Baumbestattung. Dabei wird die Asche des Toten unter die Wurzeln eines Baums gelegt, der dann Nährstoffe aus der Asche ziehen soll.

Frage des Preises

Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Bestatter, beobachtet diese Entwicklung schon seit einiger Zeit. „In Trauerfeiern spiegelt sich immer mehr die Individualität der Verstorbenen wider“, sagt er. Die Zahl derer, die eine „Standardbestattung“ möchten, sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Mit „Standard“ meint Wirthmann eine Bestattung, die zwischen 2500 Euro und 4000 Euro kostet. Früher fragten etwa 70 Prozent aller Hinterbliebenen diesen Weg sich zu verabschieden nach, heute sind es nur noch 60 Prozent. Und es gebe mehr Menschen, denen die Kosten völlig egal seien, und jene, die möglichst wenig für die Beerdigung bezahlen wollen.

Folglich hat sich auch der Beruf des Bestatters in den vergangenen 20 Jahren verändert. Früher waren sie Experten für Sarg- und Urnenmodelle, Traueranzeigen und Friedhofsbelegungen. Nun sind Bestatter moderne Dienstleister, die auf die Wünsche der Kunden eingehen müssen. Was vor 15 Jahren noch als pietätlos galt, ist heute eine Frage des Preises.

Vergleichsportale für Beerdigungen

Der Markt der Bestatter ist kleinteilig und wird bestimmt von vielen mittelständischen Unternehmen. Laut dem Verband gibt es nur wenige Großfirmen, und selbst die größte unter ihnen – die Ahorn AG – liegt deutschlandweit bei nur rund drei Prozent Marktanteil. Dementsprechend ist die Konkurrenz unter Bestattern groß. Vor allem in Großstädten unterbieten sie einander im Preis.

Sogar ein Vergleichsportal für Beerdigungen gibt es mittlerweile. Auf Bestattungsvergleich.de etwa können Angehörige Angebote einzelner Bestatter in Großstädten wie Berlin, München oder Leipzig vergleichen. Einer der Anbieter wirbt dort mit dem Slogan „Günstige Seebestattung – inkl. 50-Euro-Gutschein für Urne“. 972 Euro soll das kosten. Auch die Stiftung Warentest hat das Portal schon getestet – und schließt mit dem Fazit: „Bei aller Trauer – Preisevergleiche sind nicht pietätlos“.

Für viele Hinterbliebene scheint für die Beisetzung eher die Formel: „Je höher der Preis, desto mehr Wertschätzung für den Toten“ zu gelten.

Die Weltraumbestattung einer Urne etwa kann bis zu 500.000 Euro kosten. Die symbolische Beisetzung auf diese extravagante Variante, allerdings von einem kleinen Teil der Asche ist schon für 5000 bis 10.000 Euro möglich.

Gedichte statt Trauerreden, Federn statt Blumen

Oliver Wirthmann betont, dass viele der ungewöhnlichen Bestattungen jedoch nur „Teilbestattungen“ seien. Bei der Diamant- und bei der Weltraumbestattung werde meist nicht die gesamte Asche von rund zwei Kilo verwendet. „Manchmal werden nur ein paar Gramm ins All geschickt“, sagt er, „und der Rest dann vom Veranstalter anders begraben.“ Das seien Details, über die Angehörige oft nicht informiert würden. Ein Friedhof hingegen berge viele Vorteile, an die viele Trauernden zunächst nicht denken.

Einer davon ist wohl, dass Angehörige später einen Ort haben, um dort in Ruhe zu trauern.

Ähnlich sieht das auch Lea Gscheidel, die in Berlin zusammen mit ihrem Vater ein Bestattungsunternehmen betreibt. Auch sie hatte Kunden, die eine Diamant- oder Weltraumbestattung wünschen, und sie erklärt den Betroffenen dann auch Konsequenzen: „Das ist keine Bestattungsform, sondern ein nettes, sehr preisintensives Gimmick.“

Experimente mit Traditionen

Den Veränderungen der Branche öffnet sie sich trotzdem. „In einer Großstadt trauen sich die Menschen noch eher, mit Traditionen zu experimentieren“, sagt sie. „Ich erlebe, dass statt Blumen Federn auf das Grab gestreut werden oder dass statt einer Trauerrede die Gäste lieber jeder ein Gedicht vorlesen wollen, weil der Gestorbene viele Gedichte auswendig konnte.“

Marina Botz aber ist von ihrer Bestattungsform begeistert. Die Nachricht, dass der Stein fertig sei, habe sie an ihrem Geburtstag erreicht. Die Hersteller wüssten nie, welche Farbe der Stein annimmt. Jürgens Stein glitzert blau. „Seine Lieblingsfarbe.“