Tierfreund

Wenn Kakerlaken zu Cyborgs werden

| Lesedauer: 4 Minuten
Mario Ludwig
Futuristisch: eine Kakerlake mit „RoboRoach“-Bausatz

Futuristisch: eine Kakerlake mit „RoboRoach“-Bausatz

Foto: Backyard Brains

Dr. Mario Ludwig über einen umstrittenen Elektronik-Bausatz, der Riesenschaben zu ferngesteuerten Wesen macht

Cyborgs, also Mischwesen, die aus einem lebendigem Organismus und einer Maschine bestehen, gibt es in Hollywoodfilmen reichlich. Die wenigsten Menschen wissen allerdings, dass es die Wissenschaft längst geschafft hat, echte Cyborgs zu entwickeln: Tiere, die dank technischem Equipment, das ihnen eingepflanzt wurde, von uns Menschen wie eine Art Zombie, ferngesteuert werden können.

Die US-Firma Backyard Brains hat sogar einen Bausatz namens „RoboRoach“ auf den Markt gebracht, mit dem jeder zu Hause eine schlichte Kakerlake in einen Cyborg verwandeln kann. Der Bausatz, den man im Internet für 99 US-Dollar bestellen kann, besteht aus einem Elektronikbauteil, einer Batterie und Drähten. Und da nicht jeder auch eine Kakerlake zur Hand hat, kann man die mitbestellen: 12 Stück für 24 Dollar.

Bei den künftigen Cyborg-Kakerlaken handelt es sich jedoch nicht um „normale“ Wald- und Wiesen-Kakerlaken, sondern um eine zu den sogenannten Riesenkakerlaken gehörende mittelamerikanische Art namens Blaberus discoidales, die mit einer Länge von fünf cm und einer Breite von drei cm auch groß genug ist, um Elektronikbauteil und Batterie mit einem Gesamtgewicht von immerhin mehr als vier Gramm bequem tragen zu können.

Ein Video zeigt die Anwendung

Wie man den Cyborg zusammenbastelt, beschreibt das Anwendungsvideo, das mit zur Lieferung gehört: Vor dem Eingriff muss man die Kakerlake betäuben, indem man sie für fünf Minuten in eiskaltes Wasser steckt. Das derart malträtierte Tier fällt dann in eine Art Winterstarre, bei der auch Nervenimpulse kaum mehr weitergeleitet werden können. Anschließend wird vorsichtig mit Schmirgelpapier der Panzer am Kopf aufgeraut und Elektronikteil und Batterie werden mit Superklebstoff an den aufgerauten Stellen befestigt. Danach wird mit einer Nadel ein Loch in den Rückenpanzer gebohrt und dort ein Draht des Bausatzes eingeführt. Ein Vorgang, der der Erdung dient. Dazwischen wird „zwischengekühlt“.

Jetzt müssen nur noch zwei Drähte mit den Fühlern der Kakerlake verbunden werden, also genau den Körperteilen, die für die Navigation verantwortlich sind. Auf diese Weise wird das Elektronikteil mit dem Nervensystem verbunden. Und schon ist der Cyborg einsatzbereit.

Gesteuert wird der Kakerlaken-Cyborg mit einem Bluetooth-fähigen Smartphone. Mit dem kann man über das Elektronikteil und den Draht elektrische Impulse an das Nervensystem der Kakerlake schicken, die dieser vorgaukeln, sie wäre an ein Hindernis gestoßen. Über den Touchscreen des Smartphones kann man über den jeweiligen Fühler die Kakerlake bequem nach rechts oder links steuern. Aber RoboRoach funktioniert nicht ewig. Bei der Kakerlake tritt nach zwei bis sieben Tagen ein Gewöhnungseffekt auf und sie reagiert nicht mehr auf die Signale. Man kann sie dann von ihrer Steuerung befreien, zu ihren Kollegen setzen und eine neue in einen Cyborg verwandeln.

Tierschützer protestieren

Ob die Prozedur für die Kakerlake nicht äußerst unangenehm ist, ist umstritten. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Insekten und damit auch Kakerlaken kein Schmerzempfinden haben, wie wir es bei Wirbeltieren kennen, weil ihnen die passenden Schmerzrezeptoren fehlen. Was allerdings unbestritten ist, ist, dass auch Kakerlaken durch kleine Verletzungen gestresst werden können. Dadurch kann es zu einer Ausschüttung von Stresshormonen kommen, die für die Schaben sogar tödlich sein könnte.

Tierschutzorganisationen wie PETA sehen auch ethische Probleme darin, wenn ein lebendes Tier zu einem manipulierbaren Spielzeug umgewandelt wird. Und als Spielzeug oder Bastelmaterial sollte man die Riesenschabe ja auch tatsächlich nicht betrachten.

Laut Hersteller ist RoboRoach eine Art „Bildungsbaukasten“. Durch ihn soll der Anwender mehr über die Funktionsweise des Gehirns bzw. das Nervensystems lernen. Also: Biologieunterricht zum Anfassen. Bisher sind angeblich rund 1000 Bausätze verkauft worden.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

Gibt es Cyborgs wirklich?
Timm, 10 Jahre

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