Landgericht

Angeklagte sagt im Höxter-Prozess aus – und redet über sich

| Lesedauer: 6 Minuten
andreas böhme
Die Angeklagte Angelika W. neben ihrem Anwalt Peter Wüller vor dem Landgericht in Paderborn (Nordrhein-Westfalen). Dort sagte sie am Mittwoch aus.

Die Angeklagte Angelika W. neben ihrem Anwalt Peter Wüller vor dem Landgericht in Paderborn (Nordrhein-Westfalen). Dort sagte sie am Mittwoch aus.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Im Fall des Ex-Paares aus Höxter hat die Angeklagte im Prozess ausgesagt. Zunächst sprach sie allerdings vor allem über sich selbst.

Paderborn.  Es ist Tag zwei im Prozess um das Horrorhaus von Höxter. Aber eigentlich ist es der Tag, an dem dieser Prozess vor dem zuständigen Landgereicht in Paderborn erst wirklich beginnt. Denn es ist der Tag, an dem die Angeklagte Angelika W. mit ihrer Aussage beginnt. Eine Aussage, die gut zu verstehen ist, aber die ein gesunder Menschenverstand nicht begreifen kann.

Sie erzählt emotionslos, fast roboterhaft, wie sie groß geworden ist auf dem Bauernhof der Familie, tief in Ost-Westfalen. Wo sie schon früh mit angepackt hat. Weil sie es wollte, nicht weil sie es sollte. Für anderes bleibt wenig Zeit. „Es gab nie eine beste Freundin.“ Und erst recht keinen Kontakt zu Jungen.

Angelika W. lebte immer bescheiden

Sie erzählt, wie sie auf dem Bauernhof der Familie groß geworden ist, ganz tief in Ost-Westfalen. Wo sie schon früh mit angepackt hat. Weil sie es wollte, nicht weil sie es sollte. Für anderes bleibt angeblich wenig Zeit. „Es gab nie eine beste Freundin.“ Und erst recht keinen Kontakt zu Jungen.

Dies ist ihre Version: Angelika W. geht nicht aus, kauft sich keine schönen Kleider, fährt niemals in Urlaub. Einmal im Monat gönnt sich die junge Frau ein Eis. Ansonsten wird gespart. Für später. „Ich habe nicht viel gebraucht.“

Angeklagte erzählt vom ersten Kuss

Auch als sie älter ist, in einer Gärtnerei lernt, „habe ich mir nie einen Kopf um Männer gemacht“, sagt sie. Mitte zwanzig ist sie, als sie binnen Minuten den ersten Kuss bekommt und den ersten Sex hat. Mit einem verheirateten iranischen Aushilfsarbeiter, den sie Achmed nennt, auch wenn er eigentlich anders heißt. Niemand spricht von Liebe, Achmed bald von Geld. Sie leiht ihm „nach langem Überlegen“ 5000 Mark, sieht ihn daraufhin nicht wieder.

Der Vater stirbt, die Mutter rät zur Heirat. Per Annonce lernt sie Anfang 1999 Wilfried kennen. Er ist Hausmeister bei der Bahn, hoch verschuldet. Sie ist nicht hübsch, hat aber Geld. Gleich bei der ersten Begegnung erzählt sie ihm von den angesparten 160.000 Mark auf ihrem Konto. Nur Stunden später landen sie im Bett. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, glaubt sie bis heute.

Hochzeit acht Wochen nach dem ersten Treffen

Für sie vielleicht, für ihn wohl nicht. Schon nach ein paar Tagen gibt es Streit. Sie ist zu laut, zu leise, redet zu viel oder zu wenig, macht ihn nervös, ist nicht seiner Meinung. Dann schreit Wilfried nicht nur, dann schlägt er sie auch, beißt und würgt sie, erstickt sie beinahe unter einem Berg von Decken. Immer wieder. Trotzdem kündigt Angelika W. ihren Job, um Wilfried dabei zu helfen, die Bahnhöfe sauber zu machen. Und obwohl die Schläge zunehmen, er sie täglich demütigt und beleidigt, heiraten die beiden nur acht Wochen nach ihrem ersten Treffen. Zwischendurch erklärt sie, sei er ja „halbwegs lieb“ gewesen. Und: „Er hat nicht geraucht.“

Nach der Hochzeit bekommt Wilfried eine Vollmacht für die Konten seiner Frau. Er hat zwar keinen Führerschein aber er kauft Autos, später auch Boote. Immer wieder, bis das Geld weg ist. Das Paar zieht nach Höxter. Sie macht alles, was er will, ordnet sich unter, gibt sich auf. Sie darf nicht essen oder trinken ohne ihn, nicht ohne Erlaubnis auf Toilette oder ins Bett gehen. Und sie, die früher verletzte Katzen rettete und keine Kuh antreiben konnte, schießt nun mit einem Luftgewehr auf den zu zahmen Schäferhund und steckt eine Katze in den Trockner bis sie stirbt. Weil er die Tiere, die er erst haben wollte, plötzlich loswerden will.

Angelika W.: „Böse bin ich ihm nicht“

Aber Angelika W. kann machen, was sie will, nie ist Wilfried zufrieden. Um sie zu bestrafen, verbrüht er sie großflächig mit kochendem Wasser. Anschließend muss sie auf eine Ledergeldbörse beißen, die er ihr in den Mund stopft. „Damit ich nicht so laut schreie.“

Irgendwann lassen sie sich scheiden. Pro forma, „aus finanziellen Gründen“. Ändern tut sich nichts. Täglich kommt sie zu ihm. Sie habe, versucht sie das im Prozess zu erklären, sich verpflichtet gefühlt. Er habe ihr drei Aufgaben gegeben. Sie solle ihm gefälligst einen Job beschaffen, dafür sorgen, dass er irgendwoher einen Führerschein bekomme und eine Frau finden, die besser zu ihm passe. Das habe sie doch alles erledigen müssen. Und überhaupt: „Böse bin ich ihm nicht“, sagt Angelika W. noch heute über ihren Exmann.

Exmann schweigt weiter

Je länger sie erzählt, umso schwieriger wird es, die Frau auf der Anklagebank einzuschätzen. Sie sei sowohl Täterin als auch Opfer, sagt ihr Verteidiger Peter Wüller. Sie wirkt schlicht, sie wirkt naiv, dumm wirkt sie nicht. Sie ist geständig, nimmt Schuld auf sich, beantwortet die Fragen von Richter Bernd Emminghaus zügig und ausführlich und stellt den immer noch schweigenden Exmann als treibende Kraft da. Dessen Anwälte sehen das anders und auch im erneut völlig überfüllten Schwurgericht gibt es Zweifler. „Die ist“, glaubt ein älteres Ehepaar im Zuschauerraum, „ gerissener als sie aussieht.“

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