Hamburg

Manipulation bei Organspende?

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Christoph Rybarczyk

Ärzte des Hamburger Uniklinikums sollen Patientendaten gefälscht haben. Experten sprechen von Skandal

Hamburg.  Experten sprechen von einem Medizinskandal: Im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) sollen Patientendaten manipuliert worden sein, um Schwerkranke auf einer Rangliste für eine Lungentransplantation weiter nach oben zu bringen. Das zeigt ein Bericht von Bundesärztekammer, Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der dem „Hamburger Abendblatt“ vorliegt. Die Situation von 14 Kranken soll dramatisiert worden sein. Es ist zum Beispiel von einer Sauerstoffsättigung bei potenziellen Transplantationspatienten die Rede, die zwischen 69 und 75 Prozent gelegen habe, „was über Wochen und Monate selbst bei Gesunden nicht mit dem Leben vereinbar ist“.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt außerdem wegen Aktenunterdrückung, weil das UKE und die mit ihr kooperierende LungenClinic Großhansdorf einen Teil der Krankenakten nicht hätten vorlegen können – was schon ein Verstoß gegen geltendes Recht wäre.

Die Klinik weist die Vorwürfe von sich und will weitere Belege beschaffen, geht aber nicht auf mutmaßlich manipulierte Patientendaten ein. Der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Dr. Axel Rahmel, sagte dieser Zeitung, die Vorwürfe seien „erschütternd“. Erst seit den Skandalen von 2012 sei das System der Organspende und Transplantation sicherer geworden. Die Hamburger Fälle stammen aus der Zeit 2010 bis 2012. Rahmel sagte, die Prüfung zeige, dass die Maßnahmen gegen Mauscheleien griffen. „Unsere Hoffnung ist, dass diese Tatsache das Vertrauen in das System der Organspende und Transplantation sogar stärken kann.“

Doch davon sind die UKE-Fälle weit entfernt. Nach den Transplantationsskandalen im Jahr 2012 in Göttingen, Regensburg, München und anderswo hatten sich die UKE-Ärzte für verschärfte Regelungen und mehr Transparenz ausgesprochen. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) hatte darauf gedrängt, Ärzte bei Fehlverhalten noch drastischer zu bestrafen. Sie forderte außerdem, dass die Bonuszahlungen für Ärzte nicht mehr an die Zahl der Operationen geknüpft werden dürfen.

Inzwischen dürfen nur noch ausgewiesene Zentren die aufwendigen Transplantationen machen. Es gibt bei der Beurteilung der Patienten ein Mehraugenprinzip. Verstöße können mit Gefängnisstrafen, aber auch mit der Schließung eines Transplantationszentrums und dem Entzug der ärztlichen Approbation bestraft werden. Eine Transplantation kann mehrere Hunderttausend Euro kosten.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte dieser Zeitung: „Manipulationen bei allen Organverteilungen waren über Jahrzehnte an der Tagesordnung. Von Nord nach Süd sind die meisten Verantwortlichen noch immer in Amt und Würden.“ Für Patienten seien die Vergabekriterien undurchsichtig, die Konkurrenz der Transplantationszen­tren habe sich verschärft. Brysch kritisierte: „Weniger Organspender bedeuten auch weniger Implantationen. Doch weder Bundesminister Hermann Gröhe noch die zuständigen Landesminister haben es geschafft, wenigstens die Zahl der Transplantationszentren zu halbieren.“

Jetzt erklärte die Hamburger Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks, ihre Behörde nehme den Prüfbericht „sehr ernst“. Sie spricht von „Dokumentationsmängeln“. Die Verantwortlichen seien vorgeladen worden. Ihre Erklärungen würden noch ausgewertet. CDU-Gesundheitssprecher Dennis Thering fürchtet einen weiteren Rückschlag für die Organspendenbereitschaft in ganz Deutschland. „Frau Prüfer-Storcks wird vor allem erklären müssen, warum die Unregelmäßigkeiten erst über vier Jahre später ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.“

Der Präsident der Bundesärztekammer, die zu den Enthüllern der Unregelmäßigkeiten gehörte, konnte sich zu dem Fall nicht äußern. Prof. Frank Ulrich Montgomery ist Angestellter des UKE.