Tierfreund

Vom Pferd, das rechnen und lesen konnte

Dr. Mario Ludwig über das Droschkenpferd Hans, das über phänomenale Fähigkeiten verfügte, und was ein Kaufmann namens Karl Krall beweisen wollte

Der „Kluge Hans“ konnte  Körpersprache deuten

Der „Kluge Hans“ konnte Körpersprache deuten

Foto: Karl Krall / x

Ein ehemaliges Droschkenpferd namens Hans wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zur tierischen Sensation des deutschen Kaiserreichs. Sein Entdecker und Trainer, der pensionierte Berliner Lehrer Wilhelm von Osten (1838 - 1909), hatte Hans nämlich nach eigenen Angaben innerhalb von zwei Jahren die Grundrechenarten beigebracht. Und tatsächlich demonstrierte das Pferd diese Fähigkeit auf Wunsch jederzeit. Das Ergebnis der Rechenaufgaben teilte Hans seiner Zuhörerschaft mit, indem er mit dem rechten Vorderhuf so lange auf den Boden klopfte, bis er bei der richtigen Zahl angelangt war.

Angeblich konnte der schlaue Vierbeiner auch lesen. Zur Demonstration ließ van Osten auf Tafeln verschiedene Wörter schreiben. Wurde eines dieser Wörter genannt, berührte Hans mit seiner Nase just die Tafel, auf der das betreffende Wort stand. Und damit nicht genug: Hans war auch in der Lage, den richtigen Wochentag und die korrekte Uhrzeit zu nennen, er konnte Personen anhand von Fotos identifizieren sowie Farben, Töne und Münzen unterscheiden.

Der „Kluge Hans“, wie das Pferd dank seiner sensationellen Fähigkeiten bald genannt wurde, erregte weltweit ein gewaltiges mediales Aufsehen. Hans erreichte Kultstatus und verfügte sogar über eigene Bodyguards. Der Hengst musste nämlich regelmäßig von Polizisten vor sensationslustigen und allzu aufdringlichen Bewunderern geschützt werden.

Viele Wissenschaftler witterten Betrug

Klar, dass viele seriöse Wissenschaftler hinter den Fähigkeiten von Hans eine betrügerische Manipulation seitens von Ostens vermuteten. Hans beantwortete jedoch Aufgaben auch dann richtig, wenn van Osten abwesend war und ein Fremder die Fragen stellte. Um dem „Phänomen Hans“ auf die Spur zu kommen, wurde – angeblich sogar auf kaiserlichen Befehl – im September 1904 eine 13-köpfige wissenschaftliche Kommission unter Leitung des Philosophieprofessors und Mitglieds der renommierten Preußischen Akademie, Carl Stumpf, eingesetzt.

Und tatsächlich kam Oscar Pfungst, ein Assistent Stumpfs, dem Geheimnis des „Wunderpferds“ relativ schnell auf die Schliche: Hans hatte keineswegs überragende Geistesgaben, war aber in der Lage, selbst feinste Nuancen in Gesichtsausdruck und Körpersprache der Fragesteller zu deuten. Die Fragesteller veränderten nämlich in den entscheidenden Situationen – wenn die Lösung der Aufgabe unmittelbar bevorstand – oft unbewusst ihre Körperspannung oder Mimik, und dadurch wusste der Hengst in über 90 Prozent der Fälle, wann er klopfen bzw. mit den Hufschlägen aufhören sollte. Ein Phänomen, das übrigens bald als „Kluger-Hans-Effekt“ seinen Platz im Vokabular der experimentellen Psychologie fand.

Den „Klugen Hans“ dagegen konnte auch sein Starstatus nicht vor dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg retten. Nachdem der Hengst zwangsrekrutiert wurde, verlor sich seine Spur auf den Schlachtfeldern der Westfront.

Ein „psychologisches Laboratorium“

Nach dem Tode Wilhelm von Ostens trat 1909 Karl Krall auf den Plan. Der Elberfelder Kaufmann wollte allen Erkenntnissen zum Trotz beweisen, dass man Pferden durchaus Lesen, Schreiben, Rechnen und sogar Fremdsprachen beibringen kann. In seinem „psychologischen Laboratorium“ und seinem „Stall für Unterrichtszwecke“ experimentierte der Autodidakt mit elf Pferden und zwei Eseln, einem Pony sowie einem Elefanten. Die bekanntesten Elberfelder Pferde waren die Hengste Muhamed und Zarif, wobei Muhamed angeblich ein begnadetes Rechentalent war, das, nach der Quadratwurzel aus 1.874.161 befragt, mathematisch völlig korrekt mit 1369 geantwortet haben soll. Die Verständigung Pferd – Mensch erfolgte mit Hilfe eines „Klopfalphabets“ per Klopftritt.

Eine umfassende Beschreibung seiner außergewöhnlichen Studien veröffentlichte Krall 1912 in seinem Buch „Denkende Tiere“. Doch dem 540 Seiten starken Buch war nur ein mäßiger Erfolg beschieden.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.