Tierfreund

Warum heißt es, dass Waschbären Nazis sind?

Dr. Mario Ludwig über ein hartnäckiges Gerücht und wie die kleinen Pelztiere aus Nordamerika das süße Leben in der Zivilisation schätzen gelernt haben

Pelzig: ein Waschbär

Pelzig: ein Waschbär

Foto: craftvision / iStockphoto

Die Engländer lassen nicht locker: Waschbären, so hört man immer wieder aus dem Vereinigten Königreich, sind Nazis. So setzte im März 2008 die ehrwürdige englische Zeitung „Times“ ihre Leser in Kenntnis, dass damit zu rechnen sei, dass bald „Nazi-Waschbären“ zu den Untertanen ihrer Majestät zu zählen seien. Zeitgleich war unter der Überschrift „Nazi-Waschbären auf dem Kriegspfad“ im Boulevardblatt „The Sun“ zu lesen, dass „Horden von Nazi-Waschbären“ unterwegs seien, um Europa zu erobern. Garniert wurde der Artikel mit einem Bild, das einen Waschbären mit Hakenkreuzbinde zeigte.

Grund für das Rauschen im englischen Blätterwald war ein Gerücht, das nicht totzukriegen ist. Herrmann Göring, zweitmächtigster Mann des Dritten Reichs und begeisterter Hobbyjäger, soll 1934 die Ansiedlung von nordamerikanischen Waschbären am nordhessischen Edersee befohlen haben und daher für die Verbreitung der amerikanischen Pelztiere in Europa verantwortlich sein.

Aber ein Nazi ist der Bär mit Migrationshintergrund nachgewiesenermaßen nicht. Ein Studium der Akten ergab, dass der Reichsmarschall, der als oberster deutscher Jäger im Dritten Reich den skurril klingenden Titel eines „Reichsjägermeisters“ inne hatte, nicht für die Ansiedlung am Edersee verantwortlich war, ja noch nicht einmal darüber informiert war. Nach heutigen Erkenntnissen war es der Leiter des Forstamtes Vöhl am Edersee, der am 12. April 1934 zwei Waschbärpärchen in die Freiheit entließ, um „unsere heimische Fauna zu bereichern“.

Das Gebiet um den Edersee bot den Kleinbären optimale Lebensbedingungen und sie vermehrten sich prächtig. Wurde der Bestand der Kleinbären 1956 auf wenige hundert Tiere geschätzt, waren 1970 rund 20.000 Waschbären auf dem Vormarsch. Heute rechnet man mit ca. einer halben Million Tiere, die sich mittlerweile in fast ganz Deutschland breitgemacht haben. Dass alle heute hier lebenden Waschbären von den vier vermeintlichen „Naziwaschbären“ vom Edersee abstammen, wird von vielen Experten bezweifelt. So sollen gerade in den Wirren des Zweiten Weltkrieges vor allem im Bereich Berlin immer wieder Tiere aus Pelzfarmen entkommen sein und eigenständige Populationen gebildet haben.

Lange Zeit betrachteten Naturschützer und Forstexperten die zügige, unkontrollierte Ausbreitung des Neubürgers in den deutschen Wäldern mit Misstrauen. Man befürchtete, dass die Kleinbären als Nesträuber, die gerne die Nester baum- und bodenbrütender Vogelarten plündern, selten gewordene und streng geschützte Vögel wie Auer-, Birk- und Haselhuhn ausrotten könnten. Diese Vermutungen haben sich bisher – auch wegen der Bejagung der Bären – zum Glück weitgehend nicht bestätigt.

Mittlerweile haben die Kleinbären auch die Vorzüge des Stadtlebens entdeckt. Sie schlagen auf Dachböden, in Kaminschloten oder in Gartenhäuschen ihr Lager auf. Nahrung steht ausreichend in Gärten, Komposthaufen und Mülltonnen zur Verfügung. Gerne wird auch mal eine Speisekammer geplündert. Wildbiologen gehen davon aus, dass viele in der Stadt geborene Waschbären vom süßen Leben in der Zivilisation bereits so „verweichlicht“ sind, dass sie im Wald gar nicht mehr überlebensfähig sein würden.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.