Naturkatastrophe

Massenflucht in Italien: Neue Geisterstädte nach Erdbeben

| Lesedauer: 4 Minuten
Constanze Reuscher
Im italienischen Ort Norcia hat das Beben nicht nur die Basilika getroffen. Auch der Rest des Dorfes liegt in Schutt und Asche.

Im italienischen Ort Norcia hat das Beben nicht nur die Basilika getroffen. Auch der Rest des Dorfes liegt in Schutt und Asche.

Foto: Anadolu Agency

Aus Angst vor neuen Erdbeben in der Krisenregion Mittelitalien verlassen 100.000 Menschen ihre Heimat. Ganze Dörfer sind zerstört.

Rom.  Zerstörung, Verwüstung, Trümmer und Schutt. Das ist geblieben nach dem furchtbaren Erdbeben in Mittelitalien, das eine Massenflucht ausgelöst hat: 100.000 Menschen machen sich auf, um die Orte des Schreckens zu verlassen, denn Experten warnen vor weiteren Erdbeben.

Nachbeben, darunter auch zwei von mehr als Stärke vier, haben die Menschen verunsichert. „Schlafen? Hier wackelt alles, wie willst du da schlafen?“, sagte der Bürgermeister des Dorfes Ussita, Marco Rinaldi. „Die Wahrheit ist, dass der Albtraum nicht vorbei ist, es ist die Angst, die uns einen neuen Schlag gibt.“

Zahlreiche Kulturgüter schwer beschädigt

Das Beben der Stärke 6,5 – das heftigste in Italien seit 36 Jahren – hatte historische Ortschaften in der Apennin-Gebirgsregion zerstört und selbst in der Hauptstadt Rom Schäden angerichtet. Tote gab es nicht – auch, weil viele Orte schon nach dem schweren Beben im August, bei dem 298 Menschen umkamen, geräumt worden waren. Zahlreiche Kulturgüter wie zum Beispiel die Basilika San Benedetto in der umbrischen Kleinstadt Norcia wurden schwer beschädigt.

Die etwa 100.000 Menschen, die sich laut Schätzungen in den nächsten Tagen und Wochen aus dem Erdbebengebiet auf den Weg machen – ein Exodus. Es sind die Einwohner der 100 am schlimmsten betroffenen Gemeinden, die im Regionen-Eck zwischen den Marken, Umbrien, Abruzzen und Latium liegen. Orte wie das Universitätsstädtchen Camerino, wo auf 7000 Einwohner 9000 Studenten kommen: Die Studenten sind längst abgereist. Auch Camerino dürfte bald einer Geisterstadt gleichen.

Die Vernunft zwingt die Bewohner, wegzugehen

„Es ist keine Deportation“, sagte die Präsidentin der Region Umbrien, Catiuscia Marini. „Aber die Angst vor einer seismologischen Krise, deren Ausgang wir nicht kennen, zwingt uns zur Vernunft, zum Weggehen. Es weiß doch niemand, wann der nächste Erdstoß kommt.“ Selbst der Zivilschutz-Chef Italiens, Fabrizio Curcio, rief die Bevölkerung zur Abreise auf.

Nach der ersten Erdbebennacht, die viele Menschen schlaflos in ihren Autos verbrachten, wollen die meisten nur noch weg. Im Zelt oder im eigenen Pkw ist man sicher. Allein 15.000 Menschen wurden in der ersten Nacht in Notunterkünften – Zelten und Sporthallen – untergebracht. Andere sind bereits abgereist. Auch Marco Rinaldi, Bürgermeister des schon am 26. Oktober völlig zerstörten Ussita, schläft seit Tagen im Auto.

Einziger sicherer Ort: das Auto

Claudio Marsili, Gemeindeabgeordneter im ebenfalls zerstörten Pieve Torina, packt eine Tasche für seinen 87 Jahre alten Vater. „Wir bringen ihn zu Verwandten nach Norditalien, er kann nicht noch länger im Auto übernachten“, erklärt Marsili.

Orte wie Amatrice oder Accumoli, die schon bei dem Erdbeben am 24. August zerstört wurden, erscheinen längst wie Geisterstädte. Andere, wie das kleine Castelsantangelo sul Nera oder Ussita, die jetzt betroffen waren, dürften es bald werden. Das malerische Castelluccio, ein Dorf mitten im Epizentrum in der Nähe der Stadt Norcia, ist dem Erdboden gleich.

Mittelitalien: Einwohner werden in Küstengebiete gebracht
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Der Winter in den Abruzzen ist hart und rau

Die Epizentren der schweren Erdbeben, die Mittelitalien seit zwei Monaten erschüttern, liegen in den Abruzzen, einer Gebirgskette, die sich von Norden nach Süden fast durch ganz Italien erstreckt. Mindestens sechs Monate dürfte es dauern, bis in den Erdbebenorten sichere Wohneinheiten und Holzbungalows stehen werden.

Dazwischen liegt der Winter, der oben in den Abruzzen rau ist. Schon jetzt gehen die Temperaturen nachts nahe null Grad herunter. Die Nerven liegen, nach vier Erdbeben und Tausenden Nachbeben innerhalb von nur zwei Monaten, einfach blank: Das ewige Rumoren und Krachen einstürzender Hauswände, die Erdstöße unter Füßen machen das Bleiben unerträglich.

Trinkwasser und Strom fehlen

Die Schäden seien „extrem schwer und weitverbreitet“, sagte Zivilschutz-Sprecher Titti Postiglione. Tausende Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, selbst Friedhöfe sind nicht mehr begehbar. Überall fehlt Trinkwasser und Strom. Die Menschen im Erdbebengebiet sind verzweifelt.

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