Tierfreund

Warum hat der Marienkäfer Punkte?

Dr. Mario Ludwig über das „Reflexbluten“ der kleinen Krabbler, was ihre Färbung Fressfeinden signalisiert und warum die Käfer bald Menschenleben retten könnten

Gilt als Glücksbringer: der Siebenpunkt-Marienkäfer

Gilt als Glücksbringer: der Siebenpunkt-Marienkäfer

Foto: M. Lenke / picture alliance / blickwinkel/M

Wer sich näher mit Marienkäfern beschäftigt, erkennt schnell, dass es Marienkäfer mit einer ganz unterschiedlichen Anzahl von Punkten auf den Flügeldecken gibt. Die Anzahl hat nicht, wie oft behauptet, etwas mit dem Alter zu tun. Allerdings verwendet man die Anzahl manchmal, um eine Marienkäferart zu bezeichnen. So gibt es den „Zweipunkt-Marienkäfer“, den bei uns als „Glückskäfer“ bekannten „Siebenpunkt-Marienkäfer“ und sogar einen „Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer“.

Die leuchtend roten, schwarzen oder gelben Punkte haben eine geradezu lebenswichtige Funktion. Mit den grellen Farben wollen die kleinen Krabbler potenziellen Fressfeinden signalisieren: „Vorsicht, Finger weg, ich bin giftig!“ Wenn Marienkäfer angegriffen werden, sondern sie nämlich aus speziellen Drüsen an ihren Beingelenken ein paar Tropfen ihrer Körperflüssigkeit ab, die giftige Alkaloide enthält. Ein Phänomen, das man als „Reflexbluten“ bezeichnet. Früher hielt man diese Absonderung für die Abgabe von Kot oder Urin.

Von unscheinbar bis flammend rot

Aber sind die am grellsten gefärbten Marienkäfer auch die giftigsten? Und wenn ja, können Fressfeinde anhand der Farbgebung erkennen, welcher Marienkäfer besonders giftig ist? Dieser Fragestellung sind vor kurzem englische Wissenschaftler nachgegangen. Dazu sammelten die Forscher zahlreiche Exemplare von fünf unterschiedlichen Marienkäferarten, die sich in ihrer Farbgebung deutlich unterscheiden. Das Spektrum reichte vom unscheinbar hellbraun gefärbten Nadelbaum-Marienkäfer bis hin zum flammend rot-schwarz gefärbten Zweipunkt-Marienkäfer. Die Giftigkeit der Arten maßen sie, indem sie jeweils eine definierte Menge der Körperflüssigkeit in Wassergläser gaben, die jeweils mit zehn Wasserflöhen bestückt waren. Je mehr Wasserflöhe starben, als umso giftiger wurde das Sekret eingestuft.

Das Resultat der Untersuchung war eindeutig: Die besonders intensiv gefärbten Marienkäfer waren die giftigsten. Und offensichtlich begreifen auch Fressfeinde diesen Zusammenhang: Die Wissenschaftler fertigten Käfer-Attrappen an und präsentierten diese verschiedenen Vogelarten. Tatsächlich wurden die farbenprächtigsten Käfer am seltensten angegriffen. Übrigens: Für uns Menschen ist es nicht gefährlich, einen Marienkäfer in die Hand zu nehmen.

Mittel gegen Malaria

Erstaunlicherweise könnten mit der Körperflüssigkeit eines bestimmten Marienkäfers in naher Zukunft möglicherweise Menschenleben gerettet werden. Deutsche Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der „Asiatische Marienkäfer“ ziemlich unempfindlich gegen viele Krankheitserreger ist. In seiner Körperflüssigkeit gibt es nämlich über 50 verschiedene Eiweißkörper, die gegen Bakterien und andere Krankheitserreger wirksam sind.

Einen dieser rund 50 Eiweißkörper, eine Substanz namens Harmonin, hat man gegen den Erreger der Tuberkulose und den der Malaria getestet. Gegen beide war Harmonin ausgesprochen wirksam. Zudem wirkt Harmonin gegen alle Entwicklungsstadien des Malariaerregers und nicht nur gegen eine wie die bisher auf dem Markt befindlichen Mittel. Bis zu einer möglichen Marktreife eines „Marienkäfer-Antimalariamittels“ werden allerdings noch viele Jahre vergehen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.